Regierungs-Wrestling

tages​spie​gel​.de (10.4.26)

Die Simulation von Meinungsverschiedenheiten gehört zu den Grundbausteinen der "frei­heit­li­chen Demokratie". Meist wer­den dabei Nebensächlichkeiten wie Cannabis oder Lachgas genutzt, wäh­rend man sich in der Hauptsache einig ist. So lau­tet die media­le und inter­frak­tio­nel­le Klage denn auch, daß der jet­zi­ge Streit geeig­net sei, die Konzentration auf den Sozialabbau zu gefährden.

Doppelbotschafterisch wird zugleich beklagt, daß es zu wenig Einigkeit gebe. Die scheint ein Wert für sich zu sein. "Deutschland muß ins Handeln kom­men", for­dert HH-Bürgermeister Tschentscher. Wer bit­te ist damit gemeint?

"Die Bürgerinnen und Bürger und auch die Wirtschaft sind schon jetzt am Limit", greint MV-Chefin Schwesig und setzt damit das gro­ße "Wir", das schon bei Corona so wir­kungs­voll ist. Leiden wir denn nicht alle unter den Mullahs (die mit dem rech­ten Blick wohl den Krieg begon­nen haben) so wie der­einst unter dem Virus?

Gewiß gibt es unter­schied­li­che Akzente. Die SPD benennt popu­li­stisch eine "Übergewinnsteuer", wäh­rend der CDU-Wirtschaftspolitiker Tilman Kuban offen neo­li­be­ral meint: "Der Staat kann nicht alle geo­po­li­ti­schen und welt­wirt­schaft­li­chen Risiken abfe­dern – erst recht nicht, wenn die Haushaltslage so ernst und die Verschuldung schon so hoch ist".

Niemandem fällt auf, daß die Verschuldung nicht vom Himmel fiel, son­dern eine poli­ti­sche Entscheidung für Militarisierung und "Kriegstauglichkeit" war. Deren Ergebnisse sind aus jedem Blickwinkel mit Ausnahme dem der Rüstungsindustrie ver­hee­rend: Schon die immense Aufrüstung der Ukraine und die weit­ge­hend unwirk­sa­me Sanktionspolitik gegen Rußland bescher­ten uns hohe Energiepreise und eine wach­sen­de Inflation. Die de-fac­to-Unterstützung des wahn­wit­zi­gen Angriffskriegs der USA und Israels auf den Iran haben die­se Entwicklung ver­stärkt. Zugleich ist das Ansehen des "frei­en Westens" in der Welt auf einem histo­ri­schen Tiefpunkt. Es ist bezeich­nend, daß der Waffenstillstand vom isla­mi­schen Pakistan ver­mit­telt wur­de, das einen Antrag auf Mitgliedschaft bei BRICS gestellt hat. Westeuropa hin­ge­gen ver­harrt weit­ge­hend in Nibelungentreue zu den USA und spielt in dem Prozeß so gut wie kei­ne Rolle.

Nicht die geno­zi­da­len Drohungen Trumps ste­hen im Mittelpunkt der Regierungspolitik, nicht das Angehen der Ursachen der gegen­wär­ti­gen Krisen, son­dern das Schicksal deut­scher AutofahrerInnen. Zweifellos sind sie gebeu­telt. Ohne Frage ist dar­an nicht nur der Krieg schuld, an dem Mineralölkonzerne präch­tig ver­die­nen. Doch weder wird die Frage nach den Gründen für die­sen Krieg the­ma­ti­siert noch die der Macht der Konzerne. Dafür spricht auch das Konstrukt der "Übergewinnsteuer" (Lauterbach gefie­le sicher auche eine "Übergewichtssteuer"). Die Riesenprofite der Konzerne sind schon ganz in Ordnung, nur jetzt in schwie­ri­ger Zeit soll­ten sie sich doch bit­te ein Stück weit soli­da­risch zei­gen. Derartiges hat schon bei den Coronagewinnen nicht gefruch­tet. Das hin­dert die Linkspartei nicht dar­an, blau­äu­gig wie Klingbeil, der das noch nicht ein­mal ernst meint, zu fordern:

»Die Bundesregierung [muss] sicher­stel­len, dass die nun sin­ken­den Börsenpreise für Mineralöl auch bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankom­men. Es ist nie­man­dem zu ver­mit­teln, dass die Preise an der Zapfsäule qua­si über Nacht stei­gen, wenn die Börsenpreise stei­gen, aber ein Rückgang der Ölpreise nur ver­zö­gert und nicht voll­stän­dig wei­ter­ge­ge­ben wird. Genau dar­um braucht es nun die Übergewinnsteuer.«
die​-lin​ke​.de (9.4.26)

Einmal abge­se­hen davon, daß der Staat ohne­hin an jedem Liter Sprit ver­dient, was wäre die Folge? Im besten Fall die Erhöhung der Pendlerpauschale. Ist es das, was die Linkspartei unter Energiewende ver­steht? Da ist der Vorschlag der noto­risch "sozi­al­part­ner­schaft­li­chen" Eisenbahnergewerkschaft noch radi­ka­ler, den Preis für das Deutschlandticket zu senken.

In bes­se­ren Zeiten haben Linke die unge­heu­re Macht des Privatkapitals in Frage gestellt. Heute begnü­gen sich die mei­sten mit Trostpflästerchen. Auch in die­ser Frage sehen wir das Muster des Umgangs der Linken mit der Coronapolitik: Grundsätzliche Kritik ist ver­pönt, von Klassengegensätzen will man lie­ber nichts wis­sen, "Impfstoffe" sol­len für alle da sein. Die Frage "Wem nutzt es?" wird gar nicht mehr gestellt. Dabei ist es ja nicht so, daß die Frage obso­let sei oder sie nir­gends erör­tert wür­de. Die gegen­wär­ti­ge Linkspartei tut aller­dings alles, um sie unter den Tisch zu keh­ren. Alles muß man sel­ber machen…

7 Antworten auf „Regierungs-Wrestling“

  1. > Sanktionspolitik gegen Rußland bescher­ten uns hohe Energiepreise?

    Nein. Mit Energieträgern aus Russland wird genau­so gehan­delt wie mit Energieträgern aus ande­ren Förderländern. Und zwar unein­ge­schränkt. Es ist wahr daß Sanktionen nur Schall und Rauch sind und genau des­we­gen sind die auch unwirk­sam. Beispielsweise ent­zieht sich jeder Zahlungsverkehr der über digi­ta­le Währungen abge­wickelt wird, jeg­li­cher Kontrolle irgend­wel­cher wie auch immer gear­te­ten Organe.

    Und von daher, sehen Sie, geht es auch beim Handel mit rus­si­schen Öl und Gas in kein­ster Weise dar­um, Menschen mit Öl und Gas zu ver­sor­gen son­dern ein­zig um Profite. Von hohen Preisen pro­fi­tie­ren die Energiekonzerne, denen die mit Öl und Gas han­deln hin­ge­gen sind die Preise völ­lig Wurst solan­ge die Marge stimmt.

    Und um die Frage zu beant­wor­ten: Die Preise explo­die­ren nur des­we­gen weil die Profitraten sin­ken. Sinkende Profitraten sind auch der Grund dafür, daß der Kampf um die Neuaufteilung der Welt bru­talst mit Waffen geführt wird. Und sehen Sie, rus­si­sche Öloligarchen sind genau­so­we­nig revo­lu­tio­när wie die Führer des Iran u.a. Staaten in Westasien. Diese Führer haben nicht das Volk hin­ter sich son­dern ein­fluß­rei­che Familien aus gut­bür­ger­li­chen Kreisen. Und es sind die­se Familien, die einer­seits ihre Privatmilizen finan­zie­ren, ande­rer­seits aber auch beste Verbindungen zur Finanzoligarchie an der Wallstreet haben.

    MFG

      1. @aa, Ihre Quellenangaben sind wie immer köstlich.

        Manchmal fra­ge ich mich, was an dem was ich hier schrei­be soo schwer zu ver­ste­hen ist. Aber wahr­schein­lich ist die Frage eine ganz Andere 😉

      2. Im Übrigen ist Verschuldung eine der Grundprinzipien kapi­ta­li­sti­scher Gesellschaftsordnungen @aa.

        Das kön­nen Sie bei Karl Marx nach­le­sen. Und so wird sich auch ein kapi­ta­li­sti­scher Staat syste­ma­tisch ver­schul­den in der Erwartung von Kapitalerträgen. Ein kapi­ta­li­sti­scher Staat, der die Interessen pri­va­ter Unternehmer ver­tritt, wird nie­mals etwas Anderes tun.

  2. Die gan­zen Jahrzehnte sind unter dem Deckmantel "Links" gelau­fen, und die Leute haben genug davon
    Sie asso­zie­ren "Links" mit Einwanderung, bunt, Teilhabe, woke…
    und har­ten Zeiten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt.
    Sie mer­ken, "die Geschichten", die man ihnen erzählt hat, stim­men nicht

    Über Klassengegensätze den­ken die gar nicht nach
    Über "Wem nutzt es?" schon mal gar nicht
    Sie neh­men das, was sie sehen und set­zen es um

    Und auch "die Linken" ori­en­tie­ren sich am Wähler

    "In bes­se­ren Zeiten haben Linke die unge­heu­re Macht des Privatkapitals in Frage gestellt"

    Heute sind sie damit beschäf­tigt, sich so zu ver­ren­ken und zu ver­dre­hen, damit sie fle­xi­bel für den Bundestag sind.
    Es ist rei­nes Taktieren und par­la­men­ta­ri­sche Denkweise.

    Das Staatssäckel muss gefüllt wer­den, neue Steuern müs­sen her
    (Auf den Haushalt 2027 bin ich gespannt wie ein Flitzebogen)

    Eine Übergewinnsteuer zu for­den, hört sich für den Wähler gut an – sol­len die Bonzen mal was locker machen
    Dass die Steuer dann erst mal in den Staatshaushalt fließt …
    Wenn der Autofahrer dann nix davon wie­der­sieht, hat er das eh schon wie­der vergessen

    "Die Riesenprofite der Konzerne sind schon ganz in Ordnung, nur jetzt in schwie­ri­ger Zeit soll­ten sie sich doch bit­te ein Stück weit soli­da­risch zei­gen. Derartiges hat schon bei den Coronagewinnen nicht gefruchtet."

    Die Konzerne sind soli­da­risch mit ihren Aktionären, sind auch Wähler. Das scheint in Deutschland voll­kom­men auszureichen

    Die Linken und Corona

    https://​taz​.de/​C​o​r​o​n​a​m​a​s​s​n​a​h​m​e​n​-​i​n​-​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​!​5​8​1​8​6​86/

    und heu­te nix mehr davon wis­sen wollen -
    Warum fällt mir gera­de Sahra Wagenknecht , Porsche und Hummer ein? Oder Chomsky und Epstein.

    Das sind die Erinnerungen, die "hän­gen bleiben"

    Ach ja, Sahra

    https://​www​.welt​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​a​r​t​i​c​l​e​6​9​d​4​f​8​f​6​8​b​a​2​9​7​d​4​b​1​2​3​1​8​3​0​/​a​k​t​i​o​n​-​d​e​r​-​p​a​r​t​e​i​s​p​i​t​z​e​-​a​b​w​e​i​c​h​e​n​d​e​-​a​b​g​e​o​r​d​n​e​t​e​-​u​n​t​e​r​-​d​r​u​c​k​-​s​e​t​z​e​n​-​b​s​w​-​f​u​e​h​r​t​-​l​o​y​a​l​i​t​a​e​t​s​v​e​r​p​f​l​i​c​h​t​u​n​g​-​e​i​n​.​h​tml

    Die Linken haben ein­fach ein Glaubwürdigkeitsproblem,
    "har­te" Forderungen und deren Umsetzung wer­den denen doch gar nicht mehr zuge­traut, wür­den vom Wähler mil­de belä­chelt und alles gilt als nicht praktikabel.

    "Der Staat kann nicht alle geo­po­li­ti­schen und welt­wirt­schaft­li­chen Risiken abfe­dern – erst recht nicht, wenn die Haushaltslage so ernst und die Verschuldung schon so hoch ist".

    Wer hat die gan­ze Kohle raus­ge­hau­en und nix auf Seite gelegt?
    Keinem Bürger, der arbei­ten geht und im Monat was übrig hat (die wer­den nur immer weni­ger) fällt das ein
    Euch schon – Was stimmt mit Euch eigent­lich nicht?

    Wegen Euch ste­hen wir dem­nächst bis 70 am Fliessband -
    Rollator in Griffnähe – Für wie viel Rente?

    Das bekommt einer von Euch

    https://search.brave.com/search?q=wieviel+rente+bekommt+ein+abgeordneter&source=newtab&summary=1&conversation=08f4d9f6260b3a246c9193dad0c982d86137#:~:text=Die%20H%C3%B6he%20der,50%20%25%20gek%C3%BCrzt.

    Geht's noch?

    Will Lars nicht das Ehegattensplitting abschaffen?

    Das Jungvolk ist so was von gear…t. – "Liebessteuer"
    Romantik weg – Finanzamt (Staat) lacht
    Wer ein­mal "Ja" haucht, zahlt lange/​ewig drauf
    Standing Ovations mit Abtörngarantie

    Wehrdienst sol­len sie auch noch lei­sten und wenn ich an deren spä­te­re Rente den­ke, krie­ge ich Angst
    Ich habe lan­ge nicht mehr das Wort "Generationengerechtigkeit" gehört – Passt es nicht mehr?

    Abschaffung der bei­trags­frei­en Mitversicherung für Ehepartner in der gesetz­li­chen Krankenversicherung?

    Zuckersteuer?

    Kommt even­tu­ell noch die Atemsteuer wegen dem CO2-Ausstoss?
    (Ich hör auf – ich bring die noch auf Ideen)

    "Westeuropa hin­ge­gen ver­harrt weit­ge­hend in Nibelungentreue zu den USA und spielt in dem Prozeß so gut wie kei­ne Rolle."

    Irgendwie ist das wie in einer lan­gen Ehe, in der man sich nicht mehr viel zu sagen hat und sich bes­ser tren­nen soll­te, aber den Absprung nicht schafft

    Die bin­den sich doch noch nicht mal allei­ne die Schuhe zu

    1. Gute Fragen @Petra Steinigen.

      Und im Übrigen: Kaffee ohne Zucker ist mög­lich aber geschmack­los. Egal ob mit oder ohne Zuckersteuer 😉

  3. Die exor­bi­tan­te "Verschuldung" wur­de ins­be­son­de­re 2020 begon­nen. 440 Mrd. allein aus Bundesmitteln. Dazu noch die Mittel aus den Ländern, Kommunen für den Coronawahn. Maskendealer und Impfstoffproduzenten und deren Dealer mach­ten den Reibach.
    Die Stadt Mainz und das Land RLP freu­ten sich über Steuereinnahmen…der Länderausgleich trüb­te die Freude. Verrechnet wer­den die Ausgaben für das Sponsoring der Uni Mainz und Co. sicher­lich nicht.

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