Gassenarzt: Geht doch rüber, wenn ihr krank seid!

Wie sah das sozia­li­stisch regu­lier­te Gesundheitswesen in der DDR aus? 2022 hat die Bundeszentrale für poli­ti­sche Bildung dar­über berichtet:

Da sie in etwa so unab­hän­gig ist wie das RKI, legt sie natür­lich gro­ßen Wert auf die ver­meint­li­che nVorteile des über­wie­gend pri­vat­wirt­schaft­li­chen Systems in der BRD. Auslöser des Artikels war das Erstaunen dar­über, daß bei vie­len Menschen im Osten das ganz anders gese­hen wird. Die Autorin kommt nicht umhin, eini­ge Fakten zu benen­nen (hier ohne Fußnoten zitiert):

»… Im Gesundheitswesen der DDR stand die staat­li­che Leitung, ver­bun­den mit einer zen­tra­len Trägerschaft bzw. Struktur, im Vordergrund. Es beruh­te auf meh­re­ren Säulen, die – mit weni­gen, zumeist kirch­li­chen Ausnahmen – alle der staat­li­chen Leitung, Lenkung und Planung unter­wor­fen waren. Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung folg­te stan­dar­di­sier­ten, staat­lich gelenk­ten und geneh­mig­ten Prozessketten der Information, Prophylaxe und medi­zi­ni­schen Behandlung der Bevölkerung. Privat wirt­schaf­ten­de Ärzt*innen in eige­ner Praxis waren sel­ten. Diese Form der ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung wur­de sei­tens des Staates nicht gefördert.

Demgegenüber ent­wickel­te sich in der BRD ein völ­lig ande­res System mit einer tief und viel­schich­tig geglie­der­ten Krankenversicherung, einer Trägervielfalt im sta­tio­nä­ren Bereich und der Dominanz nie­der­ge­las­se­ner, pri­vat­wirt­schaft­lich täti­ger Ärzt*innen in der ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung der Bevölkerung. Die Niederlassung bedarf einer Genehmigung durch die Kassenärztliche Vereinigung.«

Staatlicher Dirigismus, weiß die genorm­te west­deut­sche Leserin, ist von Übel, Vielfalt und Privatinitiative dage­gen wün­schens­wert. Wie wirk­te sich der Unterschied auf die Menschen aus?

»Die Finanzierung des Gesundheitswesens der DDR erfolg­te über Pflichtbeiträge der Beschäftigten und Betriebe zur Sozialversicherung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), über die Beiträge zur staat­li­chen Versicherung der DDR, über die Subventionierung der Sozialversicherung und durch staat­li­che Zuschüsse. Die Sozial-ver­si­che­rung des FDGB umfass­te die Kranken- und Rentenversicherung für Arbeiter und Angestellte. Dabei waren die Beiträge der Beschäftigten auf 20 Prozent des Bruttoeinkommens begrenzt. Die Beiträge wur­den hälf­tig von Beschäftigten und hälf­tig von Betrieben getra­gen. Kinder und Ehepartner*innen waren kosten­los mit­ver­si­chert. In der staat­li­chen Versicherung der DDR waren auch Genossenschaften, Künstler*innen und ande­re frei­be­ruf­lich bzw. selbst­stän­dig Tätige und mit­hel­fen­de Familienangehörige ver­si­chert.

In der DDR waren sowohl die medi­zi­ni­sche Behandlung durch Ärzt*innen oder Therapeut*innen als auch die von Ärzt*innen ver­schrie­be­nen Medikamente kosten­los…«

Niedrige Beiträge für die Versicherten bedeu­te­ten somit hohe Subventionen durch den Staat. Sie waren auch des­halb mög­lich, weil alle in die glei­che Kasse zahl­ten und sich nicht wie bei uns Selbständige und Besserverdienende die­ser Solidarität ent­zie­hen. Auch das Fehlen unse­rer rie­si­gen Wasserköpfe Dutzender Krankenkassen (Vielfalt!) wird die Prioritätensetzung erleich­tert haben.

»In der DDR domi­nier­ten unter den Krankenhäusern die staat­li­chen Einrichtungen. So befan­den sich 1960 und 1988/​89 ins­ge­samt 83 bzw. 86 Prozent aller Krankenhäuser in staat­li­cher Trägerschaft. Krankenhäuser in ande­rer Trägerschaft spiel­ten eine unter­ge­ord­ne­te Rolle…

In der frü­he­ren BRD nahm dage­gen im Vergleichszeitraum die Trägervielfalt zu. Hier gin­gen der Anteil staat­li­cher Krankenhäuser von 38 auf 34 Prozent und der Anteil frei­er, gemein­nüt­zi­ger Träger von 36 auf 34 Prozent zurück. Der Anteil pri­va­ter Träger von Krankenhäusern wuchs von 25 auf 32 Prozent…«

Laut Statistischem Bundesamt war letz­te­re Zahl im Jahr 2024 auf 40 Prozent gestie­gen. Auf gemein​gut​.org wird die­se Grafik gezeigt:

Weiter mit dem bpb-Artikel:

»Rahmenbedingungen der ambulanten medizinischen Versorgung

In der frü­he­ren BRD domi­nier­ten in der ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung nie­der­ge­las­se­ne, pri­vat­wirt­schaft­lich täti­ge Ärzt*innen. Andere Einrichtungen zur ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung gab es – mit Ausnahme von Versorgungseinrichtungen für Bergleute – nicht. Dies war poli­tisch und von ärzt­li­cher Seite so gewollt und wur­de mit dem 1955 ver­ab­schie­de­ten Kassenarztgesetz unterstrichen.

In der DDR erfolg­te die ambu­lan­te medi­zi­ni­sche Versorgung in Polikliniken und die­sen zu- bzw. unter­ge­ord­ne­ten Ambulatorien und staat­li­chen Arztpraxen, über das Betriebsgesundheitswesen sowie über die Dispensaire-Betreuung für chro­nisch Kranke.

Den Polikliniken kam die zen­tra­le Funktion in der ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung der Bevölkerung zu. Gleichzeitig bil­de­ten sie die Schnittstelle zur sta­tio­nä­ren Versorgung. Neben der Grundversorgung waren in den Polikliniken auch die fach­ärzt­li­che Betreuung sowie die Dispensaire-Betreuung ange­sie­delt. Sie hat­ten die Funktion medi­zi­ni­scher Zentren mit min­de­stens fünf fach­ärzt­li­chen und einer zahn­ärzt­li­chen Abteilung, einer Apotheke und wei­te­ren dia­gno­sti­schen und the­ra­peu­ti­schen Einrichtungen. Ihre Standorte waren in den ver­schie­de­nen Stadtteilen der Großstädte und in den Kreisstädten. Ihnen zu- und unter­ge­ord­net gab es Stadt- bzw. Landambulatorien, die min­de­stens eine all­ge­mein-medi­zi­ni­sche, eine päd­ia­tri­sche und eine zahn­ärzt­li­che Abteilung umfas­sen sollten.

Aufgabe der Ambulatorien war die medi­zi­ni­sche Grundversorgung der Bevölkerung. Sie befan­den sich in klei­ne­ren Städten und im länd­li­chen Raum und wur­den fast immer von Allgemeinmediziner*innen gelei­tet. Zur Sicherstellung der flä­chen­decken­den ambu­lan­ten Versorgung im länd­li­chen Raum gab es neben den staat­li­chen Arztpraxen, die zumeist den Ambulatorien regio­nal unter­ge­ord­net waren, an eini­gen klei­ne­ren Krankenhäusern zusätz­lich Ambulanzen…

Das Betriebsgesundheitswesen bil­de­te eine par­al­le­le Struktur zu den ambu­lan­ten Polikliniken und Ambulatorien und dien­te der (arbeits-)medizinischen Versorgung der Beschäftigten in gro­ßen Betrieben und Kombinaten der Republik. Seit 1971 waren die Betriebsärzte neben arbeits­me­di­zi­ni­schen Belangen auch für die medi­zi­ni­sche Versorgung und die Gesundheitsförderung der Betriebsangehörigen und ihrer Familien zuständig…

Stärken des Gesundheitssystems der DDR

Zu den Stärken des Gesundheitssystems der DDR gehör­ten, neben den flä­chen­decken­den medi­zi­ni­schen Einrichtungen auch im länd­li­chen Raum, vor allem das brei­te Angebot an Vorsorge- und Reihenuntersuchungen sowie Beratungsstellen. Besondere Förderung erfuh­ren eine medi­zi­ni­sche und sozia­le Schwangerenbetreuung, die Mütterberatung, Früherkennungsuntersuchungen bei Kleinst- und Kleinkindern, die Früherkennung von Krebserkrankungen, Impfprogramme zur Vermeidung von Infektionskrankheiten und zuneh­mend auch die Aufklärung über gesun­de Lebensweise und Ernährung.

Ein beson­de­res Augenmerk der DDR lag auf der Gesundheit von Kindern. So gab es 1979 zum Beispiel 897 Schwangerenberatungsstellen und 9.955 Mütterberatungsstellen, in denen 225.600 Säuglinge und deren Mütter betreut wur­den. Die Mütterberatungsstellen waren an Polikliniken und Ambulatorien ange­glie­dert und dien­ten der kon­ti­nu­ier­li­chen Begleitung von Müttern mit Kindern bis zum Alter von drei Jahren. Hier erfolg­ten ärzt­li­che Untersuchungen und die Immunisierung der Kinder sowie die Beratung der Mütter. Auch die Rachitis- und Fluorprophylaxe war in den Mütterberatungsstellen ange­sie­delt. In den Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen fan­den regel­mä­ßi­ge Reihenuntersuchungen statt, in vie­len Schulen gab es Schulzahnärzt*innen. Zusätzlich wur­den Entwicklungssprechstunden für chro­nisch kran­ke Kinder über das drit­te Lebensjahr hin­aus angeboten.

Das Betriebsarztsystem stell­te einen wich­ti­gen Pfeiler der ambu­lan­ten medi­zi­ni­schen Versorgung der Bevölkerung dar. Es ermög­lich­te neben einem schnel­len Zugang auch eine berufs­spe­zi­fi­sche, fach­über­grei­fen­de medi­zi­ni­sche Betreuung am Arbeitsort.

Auch die Dispensaire-Betreuung für chro­nisch Kranke, wie z. B. Menschen mit Diabetes oder Rheuma, und die ver­netz­te, fach­über­grei­fen­de Möglichkeit der medi­zi­ni­schen Versorgung in den Polikliniken der DDR, die nicht mit den heu­ti­gen MVZ ver­gleich­bar sind, sowie die enge­re Verzahnung von ambu­lan­ter und sta­tio­nä­rer Medizin wer­den im Rückblick als Stärken des DDR-Gesundheitssystems eingeordnet.

Aus der Perspektive von Ärzt*innen war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der DDR leich­ter mög­lich als heu­te. Aber auch die Freiheit der ärzt­li­chen Tätigkeit von wirt­schaft­li­chen Zwängen und die stär­ke­re Fokussierung auf die ärzt­li­che Tätigkeit wird in der Literatur als beson­ders erhal­tens­wer­tes Element des Gesundheitssystems der DDR ein­ge­schätzt…«

Den zuneh­mend ideo­lo­gisch gefärb­ten Abschnitt über "Grenzen und Schwächen des Gesundheitssystems der DDR" möge man sich im Original ansehen.


Die Schwerpunktsetzung der DDR war an histo­ri­schen Forderungen der Arbeiterbewegung ori­en­tiert und natür­lich mit der sozia­li­sti­schen Grundhaltung ver­bun­den. Dennoch ist die Entwicklung in der BRD nicht einer zwin­gen­den Logik der kapi­ta­li­sti­schen Ausrichtung geschul­det. Es gibt zahl­rei­che Länder in Westeuropa ohne den Wust von Krankenkassen und mit wesent­lich höhe­rem staat­li­chem Engagement, und auch Polikliniken sind kein Alleinstellungsmerkmal der DDR. Die Zweiklassenmedizin über Privatversicherungen ist längst nicht über­all gege­ben. In der BRD wirkt dage­gen die histo­ri­sche Schwäche der Arbeiterbewegung bzw. ihre weit­ge­hen­de ideo­lo­gi­sche Integration, immens geför­dert durch die Privatisierungs- und Deregulierungswelle im Gefolge der "Agenda 2010" der SPD-Regierung.


Die Worte von Herrn Gassen wer­den ins­be­son­de­re durch die Erfahrungen der Coronazeit kon­ter­ka­riert. Hier ging es fast immer um wirt­schaft­li­che Interessen, nicht zuletzt des Ärztestandes. Nicht weni­ge haben sich eine gol­de­ne Nase ver­dient mit Massenabfertigungen in "Impfzentren". Der von Gassen behaup­te­te "medi­zi­ni­sche Bedarf" war ganz ähn­lich den Abnehmspritzen medi­al und poli­tisch orchestriert.

12 Antworten auf „Gassenarzt: Geht doch rüber, wenn ihr krank seid!“

  1. Auf der Seite gemein​gut​.org erscheint oben links ein Logo mit der Beschriftung: Gemeingut in "BürgerInnenhand". Die Macher zei­gen damit, dass sie zu einer woken Möchtegern-Elite gehö­ren, die nichts mit Gemeingut zu tun hat.

    Der "gemei­ne" Leser, der die Seite auf­ruft, und das sieht, ist sofort wie­der weg.

    PS: Binnen‑I be gone zeigt an, dass es auf die­ser kodo­roc-Seite, 13 Binnen-Is und eine Partizipform aus dem Text ent­fernt, und mir deren Lesen erspart hat.

    1. @kanaksprak: Die vier haupt­amt­li­chen "Macher" tra­gen die Vornamen Laura, Carl, Jorinde und Clara. Bis zu die­ser Information gelangen"gemeine Leser" aller­dings nicht. 

      Das Ausblenden des bösen Binne-Is wird bei die­sem Plugin erkauft mit: "Required per­mis­si­ons: Access your data for all web­sites". Wem es das wert ist…

      1. @aa: Auch dein Browser hat "Access your data for all web­sites". Wenn du das nicht willst, darfst du kein Internet.

        Dein erster Absatz erschließt sich mir nicht. Wahrscheinlich bin ich nicht woke genug.

  2. Solange Produktionsmittel Privateigentum sind, wird es nie eine Versorgung geben. Weder mate­ri­ell noch kul­tu­rell noch gesundheitlich!

    1. Das ist zum Teil kor­rekt. Produktionsmittel ist aber ein weit gefass­ter Begriff. "Die Bahn" bei­spiels­wei­se wur­de ja nach­träg­lich "pri­va­ti­siert". Es lag nicht dar­an, daß sie davor zu gut funk­tio­niert hät­te. Es lag auch nicht dar­an daß der Durchschnittsdeutsche in irgend­ei­ner Form davon pro­fi­tiert hät­te. Deshalb muß­te man es auch so stark bewer­ben. Je schlech­ter ein "Produkt" desto not­wen­di­ger die Werbung. Und wir brau­chen VIEEEL davon – Sehr Viel!

      Die Idee es KLE zu nen­nen, beruht natür­lich nicht dar­auf daß KL ein "Pionier" wäre, – nein – es beruht dar­auf daß das "Trittbrettfahren" min­de­stens genau­so cha­rak­te­ri­stisch dafür ist. Die däm­lich­sten Dinge will halt nie­mand wirk­lich erfun­den haben. Nicht mal Ei und Henne! – Gaaack-gaaack!

  3. Und was die staat­li­che Kontrolle des Gesundheitswesen in der DDR betrifft:

    Der DDR-Staat gehör­te dem werk­tä­ti­gen Volk. Es ver­steht sich, daß eine unter dem Staat geführ­te Planwirtschaft von Fachkräften gelei­tet wird und von neue­sten wis­sen­schaft­li­chen Erkenntnissen. Dazu gehör­te eine fun­dier­te Finanzierung auf der Basis Volkseigener Betriebe ohne die eine gesund­heit­li­che Versorgung nicht mög­lich gewe­sen wäre. Also in Fakt wur­de das Gesundheitswesen der DDR auch mit Erlösen aus dem Export von Kalisalz finan­ziert und nicht nur mit Versicherungsbeiträgen.

    Das ist das Vermächtnis Volkseigener Betriebe! Mit dem gesell­schaft­lich erzeug­ter Mehrwert dahin fließt wo er hin­ge­hört: In die Gesellschaft und nicht etwa in pri­va­te Taschen. Bei Diskussionen bez. die­ser Sachverhalte muss ich lei­der immer wie­der fest­stel­len wie schwer sich man­che damit tun die­se an und für sich ein­fa­chen Zusammenhänge zu verstehen.

    MFG

    1. "Das werk­tä­ti­ge Volk" droht aber bloß, zur Minderheit zu ein­zu­damp­fen. (s. "Schwellenland").

      Da kann man mache nix!

      1. @Robot…

        die Produktion mate­ri­el­ler und kul­tu­rel­ler Güter ist die Existenzgrundlage der Menschheit über­haupt. Ohne Produktion kein Essen, kein Trinken, kei­ne Kleidung, kei­ne Wohnung, kei­ne gesund­heit­li­che Versorgung. Mithin ist Arbeiten sowohl ein mensch­li­ches Bedürfnis als auch ein gesell­schaft­li­ches Erfordernis. Sie sehen also, daß es die Mehrheit ist und auch immer eine Mehrheit sein wird, die ihre Arbeit gesell­schaft­lich einbringt.

        MFG

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert