Sie merkt es nicht

Frau Brandau sagt klu­ge Dinge. Ihr ist ledig­lich ent­gan­gen, daß auto­ri­tä­re Populisten längst an der Macht sind.

rsw​.beck​.de (5.12.25)

»… beck-aktu­ell: Warum ist die Justiz so ein belieb­tes Ziel für Autoritäre?

Brandau: Wenn die Justiz unab­hän­gig funk­tio­niert, begrenzt sie Macht – ins­be­son­de­re die der Exekutive. Sie über­prüft, ob sich die Verwaltung recht­mä­ßig ver­hält. Das steht dem Anspruch auto­ri­tä­rer Populisten im Weg, mög­lichst unbe­grenz­te exe­ku­ti­ve Macht auszuüben.

Ist die Justiz aber erst ein­mal ein­ge­nom­men, hat man loya­le Gefolgsleute in Schlüsselpositionen. Dann muss man kei­ne Kontrolle der eige­nen Politik mehr fürch­ten, behält aber den Anschein eines Rechtsstaats. Deshalb sind Gerichte so inter­es­sant für auto­ri­tä­re Populisten. Man gibt sich den Anschein des recht­mä­ßi­gen Handelns, wäh­rend man die Substanz aus­ge­höhlt hat.

beck-aktu­ell: Welche Schwachstellen haben Sie ausgemacht?

Brandau: … Zweitens: Einfluss der Exekutive. Ein auto­ri­tär-popu­li­sti­scher Justizminister könn­te über Haushaltsrecht, IT-Infrastruktur oder Personalentscheidungen erheb­li­chen Druck ausüben.

Drittens: die Entscheidungsgewalt und der Einfluss auf das Personal selbst. Die Kultur der Unabhängigkeit ist ent­schei­dend. Wenn Richterinnen und Richter inner­lich und äußer­lich frei ent­schei­den kön­nen, ist viel gewon­nen. Aber genau hier set­zen auto­ri­tä­re Strategien an – durch Druck, Disziplinarverfahren oder stra­te­gi­sche Beförderungen…

"Gerichtspräsidenten sind Schlüsselrollen"

beck-aktu­ell: Sie stel­len in Ihrem Bericht die Rolle der Gerichtspräsidentinnen und ‑prä­si­den­ten her­aus. Was kön­nen die­se bewirken?

Brandau: Gerichtspräsidentinnen und ‑prä­si­den­ten sind Dienstvorgesetzte der Richterinnen und Richter an ihrem Gericht und schrei­ben Beurteilungen, die Grundlage für Beförderungen sind. Das gibt ihnen gro­ßen Einfluss. Alle unse­re rund 70 Gesprächspartner waren sich einig: Die Vorgaben dar­über, wie Beurteilungen geschrie­ben wer­den müs­sen, sind schwam­mig. Es kommt ent­schei­dend dar­auf an, wer sie schreibt.

Die Präsidentinnen und Präsidenten der Gerichte ent­schei­den auch über Disziplinarverfahren. In unse­ren Szenarien wird ein sol­ches Verfahren stra­te­gisch ein­ge­lei­tet, um etwa eine kri­ti­sche Richterin aus einem Beförderungsverfahren herauszunehmen…

Die unab­hän­gi­ge Justiz ist ganz schön wich­tig für unse­ren demo­kra­ti­schen Rechtsstaat – und wir soll­ten ihr ein biss­chen mehr Aufmerksamkeit schenken.

beck-aktu­ell: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Brandau!«

6 Antworten auf „Sie merkt es nicht“

  1. Deshalb haben die Unseredemokraten auch so viel Angst vor der Machtübernahme der AFD, weil sie wis­sen, dass man als Exekutive prak­tisch alles in der Hand hat – auch die Justiz.

  2. „Autoritäre Populisten“, eine inter­es­san­te neue Wortschöpfung.

    Wen sie wohl damit (in der Zukunft) meint, ohne zu bemer­ken, dass sie damit gera­de die Gegenwart beschreibt?

    Wobei natür­lich zu bemer­ken ist, dass die gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Akteure zwar auto­ri­tär agie­ren, aber alles ande­re als "Populisten" im Sinne von „dem Volk ver­bun­den“ sind, son­dern eher als eine mit „kor­rupt und selbst­ge­fäl­lig“ zu bezeich­nen­de poli­ti­sche „Elite“ (die EU-Ratspräsidentschaft sticht da gera­de als leuch­ten­des Vorbild heraus).

    Oder man den­ke nur an das gegen­wär­ti­ge Prozedere der Besetzung der Richterstellen des Bundesverfassungsgerichtes oder an die nicht voll­zo­ge­ne, bereits 2019 erho­be­ne Forderung des EuGH zur Aufhebung der Weisungsgebundenheit der deut­schen Staatsanwälte gegen­über dem Bundesministerium der Justiz.

    Eine poli­tisch unab­hän­gi­ge Judikative als drit­te Gewalt in der Demokratie, die unab­hän­gig von gera­de aktu­el­len poli­ti­schen Strömungen, Ideologien oder Haltungen Recht im Sinne all derer spricht, die an der poli­ti­schen Willensbildung (ohne Ausgrenzung!) teil­ha­ben kön­nen, kann unter den aktu­el­len Umständen nicht funk­tio­nie­ren. Das dürf­te jedem klar sein! 

    Allerdings könn­te man in Ihre Einlassungen auch Ansätze der freud´schen Projektion (also z.B. einen psy­cho­lo­gi­schen Abwehrmechanismus gegen unan­ge­neh­me Realitäten) hin­ein interpretieren.

  3. Gutes Thema! Beide haben Recht. Die Bastion "Justitz" ist zwar längst gefal­len, aber es gibt der­zeit (noch) deut­li­che Grenzen des­sen, was man dul­det. Ein klar gespal­te­nes Bild.

    Von "Aussen" her schwer ein­zu­ord­nen. Erklärungen gibt es schein­bar nicht.

    Eine sehr sub­jek­ti­ve Einstellung. "Reste" eines "Rechtsstaates" haben sich anschei­nend auf Schwerpunkte fokus­siert. Genauer kann ich es nicht sagen. Mehr dar­über wis­sen höch­stens die Juristen selbst.

    Eine wei­te­re Erklärung könn­te sein, daß die "Bösewichte" im Moment noch nicht "all­mäch­tig" genug sind, um sich die Justitz in gesam­ter Breite unter­tan zu machen. Denkbar wäre auch, daß es mög­li­cher­wei­se am Konsens dar­über man­gelt, wie man mit dem mög­li­cher­wei­se "gefal­le­nen" Rechtsstaat umge­hen soll.

    Ein sehr per­sön­li­cher Eindruck mei­ner­seits ist, daß Richter unter einem hohen Druck ste­hen, vor­ge­faß­te Urteile umzu­set­zen. Das bemerkt man dar­an, wenn man sich ihre Urteilsbegründungen genau­er anschaut. da paß so eini­ges, im direk­ten Zusammenhang nicht zusam­men. Fragen wer­den nicht erör­tert. Die Qualität läßt deut­lich zu wün­schen übrig, oder fehlt ganz. Hinweise auf kla­ren Prozessbetrug wer­den ignoriert.

    Ein Teil der Bevölkerung ist in wei­ten Teilen des Rechts aus­ge­schlos­sen. Das sind die­je­ni­gen die einen Anwalt nicht bezah­len kön­nen. Das betrifft Geringverdiener und Sozialgeldempfänger. Ein Teil der Letztgenannten nennt man täu­schen­der­wei­se "Bürgergeldempfänger", was ganz klar von der Politik her rührt!

    In abseh­ba­ren Arbeitsgerichtsprozessen bei­spiels­wei­se, ist deut­lich fest­zu­stel­len, wie mit­tels struk­tu­rel­ler Gewalt, die Zielpersonen syste­ma­tisch in die Insolvenz getrie­ben wer­den. So kön­nen sie sich in Prozessen nicht mehr juri­stisch zur Wehr setzen.

    Die Schlüsselrolle spie­len mei­nes Erachtens, immer noch die Medien. das Problem ist das feh­len, einer wahr­haf­ti­ge­ren, unge­fil­ter­ten (frei­en) Berichterstattung. Der Einfluß Politik auf Medien scheint gra­vie­ren­der. Nur eine Vermutung.

    Beste Ergebnisse haben bis­her, doch die Konfrontation mit der Realität, und das in Bewegung set­zen kri­ti­scher Massen gebracht. Das war die Erfahrung von "Corona", noch vor einer Justifizierung..

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