RKI contra Wissenschaft. Aus dem freigeklagten Schriftwechsel zwischen BMG und RKI (5)

Am 13.8.20 ant­wor­te­te das RKI auf eine Frage Spahns ein Interview mit der Statistikerin Katharina Schüller betreffend:

Das Interview in der Welt vom 10.8.20 steht hin­ter der Bezahlschranke, Schüller hat am glei­chen Tag aber auch einen frei les­ba­ren Artikel im Focus ver­faßt. Darin erklärt sie:

»… Neben der Schwierigkeit, aus nicht reprä­sen­ta­ti­ven Stichproben Schlüsse auf die gesam­te Bevölkerung zu zie­hen, besteht das Problem, dass die Tests nicht per­fekt testen. Manchmal dia­gno­sti­zie­ren sie Gesunde als krank, manch­mal Kranke als gesund. Die Qualität der Tests drückt sich in zwei Kennzahlen aus, der Sensitivität und der Spezifität. Die Sensitivität gibt an, wel­cher Anteil der tat­säch­lich Infizierten vom Test rich­ti­ger­wei­se als infi­ziert erkannt wird. Umgekehrt misst die Spezifität, wel­cher Anteil der Gesunden rich­ti­ger­wei­se als gesund dia­gno­sti­ziert wird.

Die der­zeit extrem nied­ri­gen Anteile posi­ti­ver Tests in der RKI-Statistik, die bei unter 1% aller durch­ge­führ­ten Tests lie­gen, [deu­ten] dar­auf hin, dass etwa die Hälfte der posi­ti­ven Testergebnisse falsch sein dürf­te. Statistisch lässt sich die­ser Fehler her­aus­rech­nen. Für den ein­zel­nen posi­tiv Getesteten wäre das Ergebnis aber oft nicht viel bes­ser als ein Münzwurf…

Zahl der richtigen und falschen Alarme wird steigen

Es ist nach­voll­zieh­bar, dass sich Politiker – bera­ten durch Virologen – Kontrollmaßnahmen wie die Testreihen an den Flughäfen aus­den­ken, um sorg­lo­sen Urlaubern etwas ent­ge­gen zu stel­len. Will man mög­lichst vie­le Menschen fin­den, die das Virus ein­schlep­pen, bleibt kein ande­rer Weg.

Als Preis dafür wird die abso­lu­te Zahl der rich­ti­gen und der fal­schen Alarme stei­gen, mit der Konsequenz, dass kurz­fri­stig die Dynamik der Pandemie über­schätzt wird. Womöglich wer­den wir bald Sprünge in der Reproduktionszahl beob­ach­ten kön­nen, die zumin­dest teil­wei­se ein sta­ti­sti­sches Artefakt darstellen.

Dass sol­che Artefakte auf­tre­ten kön­nen, recht­fer­tigt es nicht, Corona auf die leich­te Schulter zu neh­men. Aber es braucht daten­kom­pe­ten­te Experten, Politiker und nicht zuletzt Journalisten, die die Fallstricke sol­cher Änderungen der Teststrategie erken­nen und die resul­tie­ren­den Zahlen rich­tig ein­ord­nen können.«

Schüller ist alles ande­re als eine "Querdenkerin". Wiederholt hat sie aber auf die untaug­li­chen Methoden des RKI hingewiesen:

Spezifität der PCR deutlich höher als 99%?

Wie geht das RKI um mit der Fachfrau, die so vor­ge­stellt wird?

Zunächst kann der Sachverhalt nicht bestrit­ten wer­den. Doch dann wird ein Allerdings for­mu­liert, das cha­rak­te­ri­stisch für dem Umgang mit Einwänden war und bis heu­te ist. Weil näm­lich "die Spezifität der PCR deut­lich höher als 99%" sei, trä­fe die Berechnung nicht zu. Nun ist die­ser Wert frei erfun­den und das RKI gibt auch kei­ne Belege dafür an. Im Gegensatz dazu fin­den sich aus unver­däch­ti­gen Quellen zahl­rei­che ande­re Darstellungen. So im "Deutschen Ärzteblatt" 23/​2020:

»… Bei Angaben zu Sensitivität und Spezifität der in Deutschland ver­wen­de­ten PCR-Tests hal­ten sich sowohl das Robert Koch-Institut als auch das natio­na­le Konsiliarlabor am Institut für Virologie der Charité bedeckt. Die oft zitier­te, nahe­zu 100-pro­zen­ti­ge Sensitivität unter Laborbedingungen dürf­te in der Praxis nie erreicht wer­den, schon weil beim Testen selbst erheb­li­che Unsicherheitsfaktoren hin­zu­kom­men. So weist bei­spiels­wei­se jeder Test die Viren nur in einem bestimm­ten Zeitfenster nach…

In einer Population mit nied­ri­ger Prävalenz – z. B. 3 %, wie bevöl­ke­rungs­weit bei COVID-19 anzu­neh­men – und unter der Prämisse einer nied­ri­gen effek­ti­ven Test-Sensitivität von 70 % ist der posi­ti­ve Vorhersagewert äußerst schwach. Ein (falsch) posi­ti­ver Test kann aber eine Quarantäne der Person zur Folge haben…«

In einer aus­führ­li­chen Betrachtung des deut­sche Mediziners Bernd Röhrig auf pmc​.ncbi​.nlm​.nih​.gov heißt es:

»… Veränderung der Spezifität
Bei einem Test auf SARS-CoV‑2 oder einem Antikörpertest ist die Bandbreite der Spezifität deut­lich gerin­ger als die der Sensitivität. Geringfügige Veränderungen der Spezifität wir­ken sich jedoch dra­stisch auf die Anzahl falsch-posi­ti­ver Fälle und damit auf den posi­ti­ven Vorhersagewert aus. Dieser Effekt lässt sich mit der hohen Anzahl nicht infi­zier­ter Personen erklä­ren (gerin­ge Vortestwahrscheinlichkeit!), was ins­be­son­de­re beim Einsatz in Personengruppen ohne direk­te Krankheitssymptome vorkommt.

Bei klei­ner Prävalenz in der Testgruppe von≤1% führt eine (gering­fü­gig) abneh­men­de Spezifität zu einem (star­ken) Anstieg falsch-posi­ti­ver Fälle. Dadurch bedingt ver­rin­gert sich der posi­ti­ve Vorhersagewert deut­lich. Bei einer (gerin­gen) Verringerung der Spezifität von 100% auf 95% sinkt der posi­ti­ve Vorhersagewert von 100,0% auf ledig­lich 16,8% (Bemerkung: Sensitivität=1,0; Tab. 3 ). Bei einer gerin­ge­ren Sensitivität fällt die­ser Effekt noch deut­li­cher aus: Der posi­ti­ve Vorhersagewert fällt bei­spiels­wei­se bei einer Sensitivität 100,0% von 100,0% auf 5,7% bei einer Sensitivität von 30% ( Tab. 3 ). Ein nied­ri­ger posi­ti­ver Vorhersagewert bei SARS-CoV-2-Tests bedeu­tet, dass vie­le der posi­tiv Getesteten nicht infi­ziert sind…«

Neben ande­ren Beiträgen zu dem Thema auf coro­dok von Illa siehe:


Selbstverständlich war auch dem RKI das alles bekannt. Es bestritt dashalb weder das Berechnungsverfahren noch die damals herr­schen­de gerin­ge Prävalenz. Mit der Vermutung, dem Spahn kön­ne man alles erzäh­len, begnüg­te man sich mit einer unbe­wie­se­nen Behauptung. Die Aussage, von über 1,5 Mio. Tests sei­en aber nur 0,6% posi­tiv, ist kein Gegenargument, belegt aber aufs Schönste, daß es sich bei der behaup­te­ten Pandemie allen­falls um will­kür­lich durch jeweils ange­paß­te Teststrategien nach oben getrie­be­ne Zahlen handelte.

Auch die "Widerlegung" einer zwei­ten These Schüllers geht am Kern des Problems, näm­lich den unsach­ge­mäß durch­ge­führ­ten Tests an belie­big defi­nier­ten Personengruppen, vorbei:


Eine durch­aus rele­van­te Frage von Jens Spahn zu den CT-Werten vom 28.9.20 bleibt in den vor­ge­leg­ten Materialien ohne Antwort. Bekanntlich wur­de mit der vor­sätz­lich nicht aus­ge­spro­che­nen Definition von Grenzwerten Tür und Tor geöff­net zur will­kür­li­chen Feststellung posi­ti­ver Fälle:

Spahn unter­lau­fen hier gleich zwei Denkfehler. Der erste ist die Annahme, ein posi­ti­ver Test defi­nie­re eine Infektion. Der zwei­te, ver­mut­lich fol­gen­schwe­re­re, betrifft den unsin­nig hohen CT-Wert, bei dem auch die berühm­te Avocado oder ein Glas Cola posi­tiv gete­stet wur­den. Für die Ermittlung von Varianten über eine Vollgenomsequenzierung defi­nier­te das RKI selbst einen CT-Wert von höch­stens 25 als sinn­voll (rki​.de, Abruf 20.11.25). Noch am 20.11.22 gab BR24 an:

Mehr zum CT-Wert in:

Update: Frau Schüller heißt natür­lich nicht Füller, wie hier stand. Wieder mal Dank an einen auf­merk­sa­men Leser!

3 Antworten auf „RKI contra Wissenschaft. Aus dem freigeklagten Schriftwechsel zwischen BMG und RKI (5)“

  1. @aa Schüller nicht Füller

    Interessant ist, wie sich die "Kommunikation" bzw. "Zusammenarbeit" mit die­ser Gruppe
    (mit Nudging-Kritiker Prof. Dr. Gigerenzer auch in "sei­nem" Wikipediaeintrag, insb. Corona-Epidemie) aus­ge­wirkt hat.

    Gerd Gigerenzer
    Gerd Gigerenzer (* 3. September 1947 in Wallersdorf, Niederbayern) ist
    ein deut­scher Psychologe,
    Direktor eme­ri­tus am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
    (Abteilung: „Adaptives Verhalten und Kognition“),
    seit 2020 Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam[1] und
    seit 2024 Vize-Präsident des Europäischen Forschungsrats (ERC).[2] Gigerenzer ist mit der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston verheiratet.

    In der Öffentlichkeit ist er unter ande­rem durch sei­ne Arbeit zum kom­pe­ten­ten Umgang mit Risiken,[3]
    zur Kunst des Entscheidens und 

    als Kritiker des Nudging-Ansatzes in der Verhaltensökonomik hervorgetreten.[4]

    Die Schweizer Denkfabrik Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer 2014 als einen der 100 ein­fluss­reich­sten Denker der Welt bezeichnet.[5][6]

    Corona-Epidemie [!]

    https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​G​e​r​d​_​G​i​g​e​r​e​n​zer

    - sie­he dazu auch
    https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​M​a​t​t​h​i​a​s​_​S​c​h​r​a​ppe

  2. https://www.corodok.de/sag-dass-das-nicht-wahr-ist/?highlight=und%20niemand%20fragt%20nach%20den%20tassen%20i

    Guten Tag, ich bin eine unge­te­ste­te Testverweigerin. Niemand, abso­lut nie­mand hat mich seit 2020 zu irgend­ei­nem PCR-Test gezwun­gen. Ich habe alle Tests VERWEIGERT, schlicht abge­lehnt. Ich habe NEIN zu jeder Art Testzwang der Regierenden gesagt. Warum? Siehe oben. Außerdem war ich so gesund wie immer bis heu­te. Wieso soll­te ich das nach­ma­chen, was die­se selt­sa­me, merk­wür­di­ge Ex-Bundeskanzlerin da emp­fiehlt oder in unver­ständ­li­che, unüber­sicht­li­che Verordungen /​Gesetzestexte packt? Diese Verordnungen habe ich nicht ver­stan­den, ich durf­te nicht zu zweit auf einer Parkbank sit­zen? Nachts das Haus nicht ver­las­sen, an Silvester kei­ne Raketen drau­ßen zün­den, wegen der Infektionsgefahr? Ich habe die Texte und Inhalte der Regierenden nicht ver­stan­den und mich des­halb auch nicht "testen" lassen.

    Ich bit­te an die­ser Stelle dar­um, die­se Ex-Bundeskanzlerin vor einen Coronamaßnahmen-Untersuchungsausschuss zu laden, zusam­men mit den Ex-Gesundheitsministern Spahn und Lauterbach.

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