So werden in Berlin Werte und Demokratie verteidigt

Wenn "Bürgerbeteiligung" nicht so läuft, wie es sich die Baumafia und der Senat vor­stel­len, wird auch schon mal Gewalt angewendet.

tages​spie​gel​.de (29.10.25, Bezahlschranke)

»…Was ging so schief, dass eine Frau aus der Veranstaltung her­aus­ge­tra­gen wurde?

Klar war von Anfang an: Das Hochhaus-Projekt der Atrium Development GmbH ist kon­tro­vers. Obwohl das Baukollegium dem Senat vor dem Start des Werkstattverfahrens emp­foh­len hat­te, den Turm auf höch­stens 90 Meter zu begren­zen, ent­schied sich die Jury für den Entwurf des Architekturbüros Henning Larsen – mit einem Hochhaus von 167 Metern, also fast dop­pelt so hoch wie emp­foh­len. Es wäre damit das zweit­höch­ste Hochhaus in Berlin, fast so hoch wie der Estrel-Tower, und deut­lich höher als der Amazon-Tower mit sei­nen zar­ten 142 Metern in der Nachbarschaft.

Offensichtlich rech­ne­ten die Veranstalter schon mit Störungen der Veranstaltung, denn eine Handvoll bul­li­ger Security-Männer war­te­te am Rand der Sitzreihen. Die Fragen der knapp 100 Anwesenden – einer hän­di­schen Abfrage zufol­ge über­wie­gend aus der Nachbarschaft – soll­ten hin­ge­gen in der gesam­ten ersten Hälfte der Veranstaltung nicht zuge­las­sen sein. Danach war geplant, in Kleingruppen weiterzuarbeiten.

Die Frau, die her­aus­ge­tra­gen wur­de, offen­bar eine Kunstwissenschafts-Professorin der Universität Reading, hat­te mehr­mals ver­sucht, Fragen zum Ablauf der Veranstaltung zu stel­len, erhielt die Möglichkeit dazu aller­dings nicht. Sie rief auch wei­te­re Kommentare in die Präsentation des Atrium-Geschäftsführers Amir Abadayev hinein.

Statt zumin­dest den Fragen zum Veranstaltungsablauf Raum zu geben, erteil­te der Moderator der Veranstaltung ihr ermah­nend erst eine gel­be, dann eine rote Karte. Dann wur­de sie hin­aus­ge­tra­gen. „Ich mag die­se Störaktionen nicht lei­den“, sag­te er anschlie­ßend. Die Zwischenrufe gin­gen aller­dings wei­ter – bis das Publikum sich zumin­dest beim Ablauf des Abends durch­set­zen konn­te: Für den Rest des Abends wur­de auch den Besucher:innen ein Mikrophon gege­ben, um Fragen zu stel­len…«

Ein Anwohner, der seit elf Jahren im betrof­fe­nen Kiez wohnt, wird so zitiert:

»In den letz­ten fünf Jahren habe eine Entwicklung im Kiez Einzug gehal­ten, „die das Leben hier deut­lich erschwert: Die Spätis machen zu, am Markgrafendamm ent­ste­hen sünd­haft teu­re Studierendenapartments, Büros ent­ste­hen noch und nöcher. Die Mieten stei­gen, die letz­te Apotheke hat dicht gemacht.“

Es sei eine „bös­wil­li­ge Unterstellung“, was zum Beispiel Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt zuvor in den Raum gestellt habe, die Leute hät­ten Angst vor Veränderung: „Natürlich haben wir kei­ne Angst vor Veränderung. Setzen Sie hier doch einen Turm hin mit Sozialwohnungen, bau­en Sie bezahl­ba­res Wohnen. Es gibt doch Stadtentwicklung, die nicht kom­plett an den Bedarfen der Bewohnner:innen vor­bei gebaut wird!“…

So hit­zig der Schlagabtausch war: Immerhin gab es ab Einbindung des Publikums eine ech­te Diskussion. Die fünf anwe­sen­den Abadayev-Brüder, alle Teil des Unternehmens, schau­ten im Verlauf des Abends aller­dings immer kon­ster­nier­ter. Geschäftsführer Amir Abadayev sag­te im Anschluss dem Tagesspiegel, man sei wohl zur Projektionsfläche für grund­sätz­li­che Themen geworden.

Ob die grund­sätz­li­che Kritik an dem Hochhausvorhaben aller­dings noch irgend­wie Berücksichtigung fin­det, scheint eher zwei­fel­haft. Im Senat will man das Bebauungsplanverfahren so schnell wie mög­lich füh­ren. „Die Senatsverwaltung prüft ver­fah­rens­recht­li­che Beschleunigungsmöglichkeiten“, heißt es von der Pressestelle…«

6 Antworten auf „So werden in Berlin Werte und Demokratie verteidigt“

  1. Das Problem ist, daß Wohnungen nicht gebaut wer­den damit Menschen woh­nen kön­nen son­dern der Profite wegen. Schrieb schon Karl Marx.

    Bürgerentscheide, Volksentscheide und Wahlen ändern dar­an nichts.

  2. was ist denn jetzt das Problem?
    daß das kei­ne gute show war?
    wird gegen gel­ten­des recht verstoßen?
    daß sich lebens­ver­hält­nis­se ändern, daß ist kein argument.
    ich habe einst moni­ka herr­mann auf die ver­teue­rung der mie­ten wegen kli­ma­schutz ange­spro­chen, daß leu­te weg­zie­hen müs­sen des­we­gen, da hat sie zu mir gesagt: für den kli­ma­schutz täte man das gerne.
    man ver­zich­tet ger­ne, um die welt zu retten.
    das hoch­haus ret­tet nicht die welt, gut, aber "wer­te".
    "Werte" sind uns heilig.

  3. Ein her­vor­ra­gen­des Beispiel für den immer wie­der zu erle­ben­den Versuch, eine Beteiligung von Bürgern an irgend­wel­chen bereits fest­ste­hen­den Entscheidungen zu simu­lie­ren zwecks Legitimierung. Dies war bei Stuttgart 21 so, dies ist in Berlin der Fall oder sonst irgend­wo. Auch dies ist eine Systemfrage.

    1. Genau. Die Beteiligung ist sogar aus­drück­lich erwünscht:
      Um der Sache einen demo­kra­ti­schen Anstrich zu geben.

      Die Entscheidungen jedoch sind zu die­sem Zeitpunkt längst gefallen.

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