Bioraupe Nimmersatt

Es ist frag­lich, ob sich die Biotech-Konzerne nach ihrer Gier zu Schmetterlingen verwandeln.

faz​.net (30.8.25, Bezahlschranke)

»Deutschland soll unter Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz zu einem inter­na­tio­na­len Spitzenstandort der Biotechnologie auf­stei­gen. Hochqualifizierte Fachkräfte, renom­mier­te Forschungseinrichtungen und umfang­rei­ches Know-how sind vor­han­den. Doch poli­ti­sche Altlasten erschwe­ren der Branche den Weg nach vorn. Insbesondere ein Gesetz aus dem Jahr 2019, ein­ge­führt vom dama­li­gen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), sorgt für Unruhe. Die dar­in vor­ge­se­he­ne auto­ma­ti­sche Substitution von patent­ge­schütz­ten Biopharmazeutika durch Biosimilars könn­te nach Ansicht der Industrie einen ver­stärk­ten Preiskampf aus­lö­sen und die Produktion ins außer­eu­ro­päi­sche Ausland ver­la­gern – mit spür­ba­ren Folgen für Patienten und den Standort…

Der Apotheker vor Ort [wählt] das gün­stig­ste Medikament aus, das von der jewei­li­gen Krankenkasse durch exklu­si­ve Rabattverträge mit einem bestimm­ten Hersteller zur Behandlung vor­ge­schrie­ben ist. Die Politik ver­sprach sich davon wei­te­re Einsparungen im defi­zi­tä­ren Gesundheitssystem. Die Hersteller und ihre Interessenvertretung Pro Biosimilars sehen dar­in dage­gen die Vorboten von Produktionsabwanderung und einer durch Preisdruck insta­bi­ler wer­den­den Medikamentenversorgung…«

"[Wir] gefähr­den nicht nur die Versorgungssicherheit, son­dern auch die Zukunftsfähigkeit des Gesundheits- und Wirtschaftsstandorts Deutschland", barmt Rebecca Guntern vom Sandoz-Vorstand. Und Alexandra Handrich vom Konkurrenten Biogen droht: "Wenn wir unter­neh­mens­in­tern vor Investitionsentscheidungen ste­hen, spie­len die Rahmenbedingungen an den ein­zel­nen Standorten eine ganz ent­schei­den­de Rolle". "Wenn das Marktumfeld jetzt noch unsi­che­rer wird, sagen vie­le Unternehmen: Dann inve­stie­ren wir nicht", ergänzt ihr Kollege Walter Röhrer.

An fast kei­ner Stelle geht es in dem Artikel um Gesundheit. Es han­delt sich um einen Konkurrenzkampf ver­schie­de­ner Branchen der Pharmaindustrie auf dem Rücken der PatientInnen.

»Unattraktive Rahmenbedingungen und Kostendruck dürf­ten Unternehmen nach Auffassung der Branche dazu zwin­gen, ihre Lieferketten auf Effizienz zu trim­men und die Produktion zu ver­la­gern, wie es im Fall von Generika mit einer Abwanderung nach Fernost gesche­hen ist.«

Frau Guntern bekräftigt:

»"Sollte sich das Umfeld dau­er­haft in eine Richtung ent­wickeln, die wirt­schaft­lich nicht mehr trag­fä­hig ist, müss­ten wir, wie alle ande­ren bestimmt auch, über Alternativen nach­den­ken. Das wäre nicht unse­re erste Wahl, aber unter­neh­me­ri­sche Verantwortung ver­langt auch vor­aus­schau­en­des Handeln."…

Nachdem Hersteller und Interessenvertreter bis Mitte Juli Gelegenheit hat­ten, zu den Plänen des mit der Regelung der auto­ma­ti­schen Substitution betrau­ten Gemeinsamen Bundesausschusses Stellung zu neh­men, rich­ten sie ihren Blick nach Berlin. Dort wer­tet der Ausschuss der­zeit noch die Einwände aus. Eine Frist, bis zu der ein Beschluss fal­len muss, gibt es nicht. Sollte der G‑BA nicht zu dem Ergebnis gelan­gen, dass die Umsetzung zu gefähr­lich wäre, ist das Bundesgesundheitsministerium unter Ministerin Nina Warken (CDU) am Zug. Es muss das Vorhaben recht­lich prü­fen und kann noch ein­schrei­ten. Je nach­dem, wie schnell die Mühlen mah­len, könn­te es aus Branchensicht im schlech­te­sten Fall noch die­ses Jahr zur Umsetzung kom­men.«


sued​deut​sche​.de (17.5.10)

3 Antworten auf „Bioraupe Nimmersatt“

  1. "Der Apotheker vor Ort [wählt] das gün­stig­ste Medikament aus …"

    Biosimilars erfor­dern eine eigen­stän­di­ge Zulassungsverfahren mit kli­ni­schen Studien. Zumindest dann, wenn die vor­ge­se­he­nen Regeln beach­tet und nicht umgan­gen wer­den. Es sind eben kei­ne Generika, son­dern ähn­li­che Wirkstoffe. 

    Der Apotheker vor Ort wählt dann das gün­stig­ste Medikament aus, wenn dies auf einem Rezept vor­ge­se­hen. Betrachtet man die der­zei­ti­gen Anwendungsfälle von Biosimilars, dürf­te die Frage der Austauschbarkeit durch den Arzt bereits kri­tisch gese­hen wer­den. Der Arzt kann auch ein spe­zi­el­les Biosimilar ohne Austauschmöglichkeit verordnen.

    Über Zweckmäßigkeit kann man ger­ne strei­ten, über die unvoll­stän­di­ge Information der FAZ nicht.

  2. Btw, unter­schwel­lig schwingt das immer mit. Also die­ses Nimmersatt-Syndrom. Lauschen Sie andäch­tig dem was Weinbauern über die dies­jäh­ri­ge Ernte sagen. Und auch den Getreidebauern waren die­ses Jahr wie­der die Körner zu klein. Und auch die Kranken‑, Renten- und son­sti­ge Kassen beschwe­ren sich lau­fend dar­über daß sie nicht genug ein­neh­men. Und natür­lich der Staat der sich stän­dig beschwert daß er arbeits­un­wil­li­ge Menschen durch­füt­tern muss.

    Und die Energiekosten… ahja. Die sind natür­lich nur für die "Wirtschaft" viel zu hoch, ins­be­son­de­re für die gro­ßen Unternehmen. Sogar Stromkonzerne haben es schon fer­tig gebracht über zu hohe Stromkosten zu jam­mern. So wie sich die Reedereien lau­fend dar­über beschwer­den, daß ihre Schiffe zu wenig Wasser unterm Kiel haben, ins­be­son­de­re Cruiser die mit 5000 Mann Besatzung und eben­so­viel Urlaubern in den Canale Grande in Venedig einlaufen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert