Gut und Böse

faz​.net (26.8.25)

So lau­tet die Überschrift der "FAZ" nicht wirk­lich. Ich habe mir erlaubt, den Kommentar ein ganz klein wenig umzu­schrei­ben. Die Änderungen sind markiert.

»… Merkwürdige Vorstellungen beherr­schen die Debatte über eine frie­dens­ver­trag­li­che Lösung zwi­schen Isra­el und den Palästinensern. „Land gegen Frieden“ etwa. Das soll wohl hei­ßen: Der Angreifer darf zumin­dest das frem­de Staatsgebiet behal­ten, das er besetzt hat – und dafür schwei­gen (erst ein­mal) die Waffen. Mehr Belohnung für einen Aggressor geht nicht.

Doch nach mehr als drei Jahren israe­li­schen Eroberungs- und Vernichtungskrieg hat man offen­bar weit­ge­hend ver­ges­sen oder nie wirk­lich wahr­ha­ben wol­len, wer der Aggressor ist. Nicht zuletzt in der ame­ri­ka­ni­schen Regierung klingt es viel­fach so, als müs­se hier in einem Schulhofkampf zwi­schen zwei Halbstarken geschlich­tet werden.

US-Interventionen mündeten nie in Annexion

Dabei war die Lage in einem Krieg sel­ten so klar wie in die­sem, und das schon des­halb, weil der Angreifer sie kaum bemän­telt. Deshalb sind auch die aus die­sem Konflikt und einer mög­li­chen Regelung zu sei­ner Beendigung dro­hen­den Gefahren so groß.

Selbst wer sich auf Netanjahus Position ein­lässt, im Grunde sei­en die Palästinenser schuld, Tel-Aviv sei den von der Hamas unter­drück­ten Palästinensern im Gaza-Streifen zu Hilfe geeilt und habe sie und sich selbst somit ver­tei­digt – selbst wer das glaubt und gar über­aus belieb­te Parallelen zu west­li­chen Invasionen zieht, dem müss­te auf­fal­len: Selbst die zwei­fel­haf­te­sten Interventionen der USA mün­de­ten nie in eine Annexion, das war nie das Ziel. Nie wur­de einem ande­ren Land und Volk das Existenzrecht abgesprochen.

So aber Tel-Avivs Rhetorik, die inso­fern teil­wei­se sogar über die Hitlers hin­aus­geht. Dabei wur­de selbst dem besieg­ten Hitler-Deutschland nicht das Existenzrecht abge­spro­chen. Die bedin­gungs­lo­se Kapitulation der Wehrmacht und die Übernahme der Besatzungsherrschaft durch die Alliierten bedeu­te­te auch nach deren aus­drück­li­chem Willen kei­ne Annexion…

Deutschlands Pflicht

Land gegen Frieden? 45 Jahre nach Ende eines Weltkriegs han­del­ten zwei deut­sche Staaten mit den ein­sti­gen Siegermächten eine Regelung aus. Unter Schmerzen und Verlusten, gera­de auch für die Millionen Deutschen, die ihre seit Jahrhunderten ange­stamm­te Heimat in den Ostgebieten hat­ten. Die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR ging auf Kosten von Gebiet und Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen. Aber sie ermög­lich­te auch Frieden und Freiheit in Selbstbestimmung.

Die Ordnung der Nachkriegszeit stellt klar, dass Gewalt ver­bo­ten ist, vom Grundgesetz bis zur UN-Charta. Dass Israel sich nicht dar­um schert, ändert dar­an noch nichts. Entscheidend ist aber nun, wie die Staatengemeinschaft künf­tig reagiert. Die Unterstützung der Palstinenser, die von ihrem „natur­ge­ge­be­nen“ (so die UN-Charta) Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch machen und auch jeder­zeit durch regu­lä­re aus­län­di­sche Truppen unter­stützt wer­den dürf­te, ist das Eine. Das ande­re ist die Ablehnung jeder Belohnung von Gewalt…«

Natürlich wäre eine sol­che Darstellung sehr ein­sei­tig. Sie sieht ab von dem mör­de­ri­schen Hamas-Angriff und berück­sich­tigt nicht den im Nahen Osten viru­len­ten Antisemitismus. Ebenso gibt es kei­ne histo­ri­sche Einordnung des Konflikts, son­dern nur Gut und Böse. Im Originalkommentar des für "Staat und Recht" zustän­di­gen Redakteurs Reinhard Müller wird dies – unter ande­ren Vorzeichen – genau so gehand­habt. Er sieht ab vom Maidan-Putsch und den gehät­schel­ten Neonazis und berück­sich­tigt nicht den im Westen viru­len­ten Russenhaß. Ebenso gibt es kei­ne histo­ri­sche Einordnung des Konflikts, son­dern nur Gut und Böse.

4 Antworten auf „Gut und Böse“

  1. Auffällig ist bei Kommentatoren von weit weg, egal ob pro Israel oder pro Pali:
    1. der unbe­ding­te Wunsch für eine Seite Partei zu ergreifen;
    2. das Fehlen von polit-öko­no­mi­schen Analysen.

    Dass man pro Israel sein und trotz­dem Netanjahu einen rechts­ra­di­ka­len Verbrecher nen­nen kann, also nicht die­ses «anti­deut­sche» «Right or wrong my Israel» machen muss , zeigt Clemens Heni, hier z.B.: «Benjamin Netanyahus rechts­extre­me Politik tötet Palästinenser und den Zionismus»
    https://​cle​mens​he​ni​.net/​b​e​n​j​a​m​i​n​-​n​e​t​a​n​y​a​h​u​s​-​r​e​c​h​t​s​e​x​t​r​e​m​e​-​p​o​l​i​t​i​k​-​t​o​e​t​e​t​-​p​a​l​a​e​s​t​i​n​e​n​s​e​r​-​u​n​d​-​d​e​n​-​z​i​o​n​i​s​m​us/

    Eine Analyse der poli­ti­schen Ökonomie legen Shimshon Bichler und Jonathan Nitzan vor: «Road to Gaza»
    Teil 1. https://​bnar​chi​ves​.net/​i​d​/​e​p​r​i​n​t​/​8​30/
    Teil 2. https://​bnar​chi​ves​.net/​i​d​/​e​p​r​i​n​t​/​8​46/

    Bichler/​Nitzan haben schon 2002 eine gan­ze Monographie zur glo­ba­len poli­ti­schen Ökonomie Israels vor­ge­legt, von der Gründung bis zur Jahrtausendwende. Zentrales Resultat: Die Machteliten aller Beteiligten haben an einem fried­li­chen Nahen Osten kein Interesse, weil der Grund- und Dauerkonflikt viel grö­sse­re Profite bringt.
    https://​bnar​chi​ves​.net/​i​d​/​e​p​r​i​n​t​/8/

    Dass die Hamas den 7. Oktober nicht ohne israe­li­sche Oberaufsicht ver­an­stal­ten konn­te, ist das Ergebnis von Recherchen von Iain Davis: «Unacknowledged False Flags: The October 7th Hamas Attack»
    1. https://​iain​da​vis​.sub​stack​.com/​p​/​u​n​a​c​k​n​o​w​l​e​d​g​e​d​-​f​a​l​s​e​-​f​l​a​g​s​-​t​h​e​-​o​c​t​o​ber
    2. https://​iain​da​vis​.sub​stack​.com/​p​/​u​n​a​c​k​n​o​w​l​e​d​g​e​d​-​f​a​l​s​e​-​f​l​a​g​s​-​t​h​e​-​o​c​t​o​b​e​r​-​883
    3. https://​iain​da​vis​.sub​stack​.com/​p​/​u​n​a​c​k​n​o​w​l​e​d​g​e​d​-​f​a​l​s​e​-​f​l​a​g​s​-​t​h​e​-​o​c​t​o​b​e​r​-​4b4

    Ansonsten emp­feh­le ich den, wie bei ihm üblich sehr defai­ti­sti­schen Kommentar von Wolfgang Pohrt schon von 1982: «Linksradikalismus und natio­na­ler Befreiungskampf»
    https://​welt​ex​pe​ri​ment​.com/​b​o​x​/​p​o​h​r​t​_​1​9​8​2​_​l​i​n​k​s​r​a​d​i​k​a​l​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​n​a​t​i​o​n​a​l​e​r​-​b​e​f​r​e​i​u​n​g​s​k​a​m​p​f​.​pdf

  2. Natürlich gibt es den Staat Palästina. Er hat nie auf­ge­hört zu exi­stie­ren. Es ist uner­heb­lich ob palä­sti­nen­si­sche Staatsbürger Nomaden sind, Ackerbauer oder Viehzüchter oder das Leben in den Städten bevor­zu­gen. Es sind Menschen. Menschen die genau­so das Recht auf Selbstbestimmung haben wie Menschen ande­rer Nationen die­ser Welt.

    Menschen die Bedüfnisse haben wie Wohnen, Arbeiten, Essen, Trinken, Kleiden und ein Leben in Frieden. Weil Menschen mensch­li­che Bedüfnisse haben und ein­zig der Staat dar­über zu bestim­men hat, inwie­weit er der Befriedigung die­ser Bedüfnisse nach­kommt. Weil die Befriedigung mate­ri­el­ler und kul­tu­rel­ler Bedüfnisse weder eine pri­va­te noch eine Angelegenheit frem­der Mächte ist.

    Weil jedes Volk, jede Nation der Welt einen Staat braucht der die Interessen der gan­zen Nation vertritt.

  3. Die Dekontextualisierung ist ein wesent­li­ches Moment von Propaganda und Ideologiebildung. Daran ist aber auch die soge­nann­te "Neue Linke" mit ihren Ursprüngen in den 60er und 70er Jahren schuld. Die Wendung zu einem iden­ti­täts­be­zo­ge­nen Bewegungspolitizismus ist in der jün­ge­ren Gegenwart dank­bar und über­aus erfolg­reich von herr­schen­den Gedankenkonstrukten und ihren BetreiberInnen auf­ge­grif­fen wor­den. Dieser Move hin­ter­lässt sei­ne Spuren selbst in angeb­lich oppo­si­tio­nel­len Querdenkerstrukturen und Apparaten, aber auch in der DKP oder ande­ren lin­ken Organisatiönchen. Krisentheoretisch ori­en­tier­te Kritikansätze wie sie von Henryk Grossman, der noch in der sehr frü­hen DDR leh­ren durf­te, oder von Paul Mattick sr. for­mu­liert wur­den, sind Ender der Sechziger Jahre unter tat­kräf­ti­ger Mithilfe der Linken ver­schie­den­ster Provenienz aus den lin­ken Diskursen ent­fernt wor­den. Leider wur­den wich­ti­ge Ansätze in der Wertkritik nach deren Formulierung von Robert Kurz durch Übernahme bür­ger­li­cher Ideologeme kor­rum­piert. M.E. stellt sich heu­te die Aufgabe, die Marx´schen Kritikansätze der "Kritik der Politischen Ökonomie" histo­ri­sie­rend auf den Kern der gegen­wär­ti­gen Veranstaltung ent­wick­lungs­scharf wei­ter zu ent­wickeln. Der Reduktionismus der Nahost-Diskussion auf ein moral­trie­fen­des hoch emo­tio­nal aus­ge­führ­tes Schlachtfest der Meinungen mit ent­spre­chen­der exe­ku­ti­ver und juri­sti­scher Begleitung nicht gera­de för­der­lich für die ange­spro­che­ne Notwendigkeit. Im Übrigen hat die Gültigkeit des mora­li­schen Imperativs aus dem Vorwort zur Kritik der Hegelschen Rechtphilosophie vom Umwerfen aller Verhältnisse.…… nicht nur sei­ne Gültigkeit nicht ver­lo­ren, son­dern die Ausrufezeichen ver­meh­ren sich ange­sichts der Entwicklungen. Das ist abso­lut hin­rei­chend in jeg­li­cher mora­lisch-poli­ti­schen Diskussion.

  4. Das eif­ri­ge Gerede des Herrn Redakteur ist zwar wohl­feil, und bestimmt sichert er sich damit ein war­mes Plätzchen am Tisch der Rüstungskonzerne und Shareholder, aber lei­der blen­det er den Kern des Problem aus:

    Wieviel soll die Bestrafung des "Bösen" denn kosten? Und wer soll es bezahlen.

    Aktienmillionär Merz hat bereits den Herbst der "Reformen" ange­kün­digt, und was es bedeu­tet, wenn ein Neoliberaler von Reformen spricht, das wis­sen Millionen von Menschen ganz genau.

    Ich will es mal so for­mu­lie­ren: Böse ist, was den Sozialstaat schleift.

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