Wie sich die Bundesregierung Expertenräte hielt, die ihre Coronapolitik legitimieren sollten, betreibt sie seit längerem in der Wirtschafts- und Sozialpolitik das gleiche Spiel. Vermeintlich unabhängige WissenschaftlerInnen erklären, warum "wir" etwas tun und lassen müssen. Wenn sie Kritik üben, dann daran, daß die Regierung nicht weit genug gehe, zu zögerlich sei und den Ernst der Lage nicht erkannt habe. In einer Art Ping-Pong-Spiel werden die Mahnungen der ExpertInnen von der Regierung aufgegriffen und die Maßnahmen verschärft. Ist halt wissenschaftlich fundiert.

Stets geht es darum, das Wohlergehen oben sicherzustellen durch Opfer unten. Nicht selten wird die Coronapolitik als Vorbild für Kürzungsorgien aller Art dargestellt.
»… Als Beispiel nannte Grimm die sogenannte Haltelinie der Rente. „Auf Dauer wird das nicht finanzierbar sein. In der Pflege sieht es nicht anders aus“, sagte sie. Wer in der Lage sei, Pflegeleistungen selbst zu finanzieren, müsse das auch tun. „Sonst können wir das System nicht auf Dauer finanzieren. Das heißt auch, dass wir mitunter Leistungen werden kürzen müssen.“ Schon jetzt lägen die Lohnnebenkosten bei 42 Prozent. Bis zum Ende der Legislaturperiode könnten sie auf 45 Prozent steigen, sagte Grimm…«
Bezugspunkt für das, was "wir" finanzieren und was nicht, sind die Kosten der Unternehmen. Sozialistisches Teufelszeug wie Sozialabgaben, Mindestlöhne und bürokratische Gängeleien zu Urlaubsgeld und sonstigen überflüssigen tarifvertraglichen Regeln schaden dem Standort. Für den gilt schon immer das Mantra: Wenn es den Unternehmen gut geht, sind die Arbeitsplätze sicher und alle haben etwas davon.
Ob Corona, Putin oder Demographie – Grimm findet stets einen Ansatz, nach unten zu treten. Dabei geht sie wie die gegenwärtige und die letzten Bundesregierungen so weit, aus ideologischen Gründen auch Teile der einheimischen Industrie über die Klinge springen zu lassen. In einem "Spiegel"-Gespräch vom 22.4.22 unter dem Titel »Es gibt leider keine Lösung, wo wir nur Putin wehtun und uns nicht« sagte sie:
»... Mit einem Energieembargo ließe sich Putins Spielraum deutlich verringern. Ja, ein Embargo kostet. Viele Analysen zeigen auf, dass es zu einer Rezession käme, möglicherweise in der Größenordnung der Finanz- oder Coronakrise. Bereitet man sich gut vor, wäre es weniger einschneidend…
Man muss… zwischen der gesamtwirtschaftlichen Perspektive und Einzelinteressen der Industrie unterscheiden…
Ich kann die Sorgen in der Industrie gut verstehen. Die angestrebte Unabhängigkeit von Russland wird die Energiekosten erhöhen. Viele Transformationspfade, die man sich für den Klimaschutz überlegt hatte, liefen über Gas und werden jetzt nicht mehr funktionieren. Das ist aber unabhängig davon, ob wir schnell oder langsam aussteigen…
[Man bräuchte] kurzfristig Unternehmenshilfen und Kurzarbeit, um die Folgen eines Lieferstopps abzufedern – ähnlich wie in der Coronakrise…«
Man schneidet sich ins eigene Fleisch, etwa bei der für Düngemittel erforderlichen Ammoniakproduktion. Für Frau Grimm ist es dann eben so: "Wenn die hohen Energiepreise Standortverlagerungen mit sich bringen, muss man das nicht mit Subventionen aufhalten". Die Expertise der "Wirtschaftsweisen" kommt schon in dieser Prognose zum Ausdruck:
»Nur die unmittelbare Kappung des Finanzstroms schwächt Russland in einer Zeit, in der die Ukraine noch die Reserven hat, den Krieg für sich zu entscheiden…
Putins Ambitionen beschränken sich bekanntermaßen nicht nur auf die Ukraine. Es geht auch um Polen, das Baltikum und den Balkan. Ohne die Einnahmen aus dem Exportgeschäft dürften die Spielräume des Kremls sinken, seine geopolitischen Ziele mit Waffengewalt durchzusetzen. Und man würde China signalisieren, dass die Unterstützung Russlands eine Strategie ist, die nicht aufgeht.«
In dem "Spiegel"-Gespräch hat Grimm einen Gegenpart in Gestalt eines gewerkschaftsnahen Ökonomen. Die Debatte folgt dem Vorbild der Coronazeit, bei dem gestritten wurde über die nötige Zahl der Booster und darüber, ob 3G nicht doch besser durch 1–2G zu ersetzen sei:
»Dullien: Der hohe Anteil der Industrie hat uns in den vergangenen Jahren sehr gestützt. Deutschland hat eine Spezialisierung in bestimmten Bereichen wie Maschinen, hochwertigen Autos oder Chemikalien, der wir unseren Wohlstand verdanken und die unter anderem so etwas zustande gebracht hat wie den Covid-Impfstoff von Biontech. Ich hielte es für sehr leichtsinnig, das aufzugeben.
Grimm: Die Industrie ist exzellent aufgestellt. Was wir allerdings hinterfragen müssen, ist unsere einseitige Abhängigkeit bei Energie und bei kritischen Rohstoffen. Wir haben sehr lange eine Friedensdividende kassiert, weil wir uns einseitig abhängig gemacht haben, und dadurch aber extrem niedrige Energiekosten hatten. Das wird nun so nicht mehr möglich sein.«
Deppen wie die von BASF haben "sich jahrelang und trotz aller Warnungen auf billiges Gas aus Russland verlassen", anstatt "LNG-Terminals für Flüssiggas zu bauen". Es gehört eben zur Kriegssdividende, teures, noch weniger ökologisches und vor allem jederzeit von Embargos gefährdetes US-Frackinggas zu kaufen. Denn, so Grimm, "wir müssen uns den Realitäten stellen". Die sahen damals so aus:
»SPIEGEL: Finden Sie es politisch legitim, an die Verbraucher zu appellieren, Energie einzusparen – nach dem Motto »Frieren für den Frieden«?
Dullien: Das halte ich sogar für sehr sinnvoll. Über den Sommer werden wir nicht so viel sparen können, weil ja kaum geheizt wird. Aber insgesamt kann man da noch sehr viel mehr machen. Ich finde es merkwürdig, wie die Debatte über ein Tempolimit und autofreie Sonntage geführt wird. Klar, das sind kleinere Effekte, ebenso wie die Frage, ob ich die Heizung ein wenig runterdrehe oder Strom spare. Es würde eine Versorgungslücke immerhin verkleinern. Ich würde mir von der Politik also eher mehr solcher Appelle wünschen.«
Und Grimm: "Wir müssen der Bevölkerung signalisieren, wie brisant die Lage ist". Wem fällt da nicht Merkels Rede ein?
»... Lassen Sie mich sagen: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt…
Zur Epidemie – und alles was ich Ihnen dazu sage, kommt aus den ständigen Beratungen der Bundesregierung mit den Experten des RobertKoch-Instituts und anderen Wissenschaftlern und Virologen: Es wird weltweit unter Hochdruck geforscht, aber noch gibt es weder eine Therapie gegen das Coronavirus noch einen Impfstoff. Solange das so ist, gibt es nur eines, und das ist die Richtschnur all unseres Handelns: die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sie über die Monate zu strecken und so Zeit zu gewinnen. Zeit, damit die Forschung ein Medikament und einen Impfstoff entwickeln kann…«
web.archive.org (9.7.21)
Heute müssen wir den russischen "Machthaber" eindämmen, bis die Rüstungsindustrie uns zur Kriegstauglichkeit führt. Nur ist das Vorbild, die "Impfkampagne" bereits kläglich gescheitert. Sie führte weder zur Eindämmung dessen, was als Infektionen bezeichnet wurde, noch zu sinkenden Todeszahlen unter den derart markierten Personen. Immerhin werden bei der Kriegsvorbereitung und den damit einhergehenden Sanktionen schwere Nebenwirkungen nicht mehr geleugnet. Sie sind im Denken der Dullien und Grimm aber alternativlos.
So wird uns auch die Lage bei den Renten dargestellt. Wie bei Corona herrschen Denkverbote. Es soll nicht diskutiert werden, warum nicht auch Beamte und Höchstverdienende in die gesetzliche Rente einzahlen – ein keineswegs sozialistisches Modell, das es in einigen Nachbarländern erfolgreich gibt. Es soll bei der Überalterung der Gesellschaft nicht erörtert werden, warum die Geburtenraten sinken und in welchem Maße der riesige Produktivitätsfortschritt der Gesellschaft der Alterssicherung zukommen könnte. Billionen Euro werden in den EU-Ländern aber lieber in Pharma- und Rüstungsunternehmen gesteckt. Das ist auch möglich, weil die Claqueure der Regierungspolitik in den Medien die absolute Vorherrschaft besitzen.
(Hervorhebungen in blau nicht im Original.)

musste selbst nachgucken:
https://www.duden.de/rechtschreibung/Claqueur
männliche Person, die bestellt [und bezahlt] wird, um Beifall zu klatschen
französisch claqueur
der Claqueur; Genitiv: des Claqueurs, Plural: die Claqueure
Deiner Einschätzung stimme ich voll zu.
@o.W.: Danke, korrigiert!
Immer wieder lustig zu lesen mit welchen faulen Tricks Privatunternehmer ein ganzes Volk betrügen. Und dabei noch vom Staat unterstützt werden. Davon hat schon Hannes Wader ein Lied gesungen:
https://www.youtube.com/watch?v=kaNVqhuiZK0&list=RDkaNVqhuiZK0&start_radio=1
Der Tankerkönig
Und noch eins
https://www.youtube.com/watch?v=oKfLdhWyoW8&list=RDoKfLdhWyoW8&start_radio=1
Langeweile
@ Erfurter: Nicht zu vergessen Waders fulminantes Friedenslied "Es ist an der Zeit" (https://www.youtube.com/watch?v=wEs20XA_y‑c)
Ja @aa, Hannes Wader. Ich durfte ihn mal persönlich kennenlernen. Das ist schrecklich lange her .…