In einem Meinungsbeitrag in der "FAZ" vom 12.3.25 überlegt der "Virologe und CDU-Bundestagsabgeordnete", wie "Deutschland" vom Trumpschen Kahlschlag in der Wissenschaftspolitik profitieren könne. "Deutschlands Braingain-Moment" lautet der Titel des Kommentars, in dem es von Begriffen wie Freiheit und Exzellenz wimmelt.

Streeck beginnt mit dem Hinweis, er habe selbst neun Jahre in den USA gelehrt und geforscht, u.a. "in der HIV-Forschung des US-Militärs". Damals habe eine Freiheit geherrscht "die es den klügsten Köpfen ermöglichte, ohne politische Einflussnahme zu forschen". So absurd dies klingt, es steht zu befürchten, der Mann glaubt das tatsächlich. Diese "exzellenten Forschungsbedingungen" für diejenigen, die den Vorgaben der Geldgeber entsprechen, sieht Streeck nun bedroht.
Er beklagt insbesondere das Schleifen der "Institutionen, die essenzielle medizinische Forschung betreiben, Gesundheitskrisen bewältigen und Naturkatastrophen überwachen", und meint damit allen Ernstes NIH und CDC. Damit benennt er ausgerechnet die Behörden, die jahrelang das Gegenteil unabhängiger Forschung und Beratung praktizierten. Vollständig eingebunden in die Profitlogik der US-Pharmaindustrie wurden deren Interessen unbarmherzig in politische Vorgaben umgesetzt. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die dem entgegenstanden, wurden unterdrückt und diffamiert. Ein Aufräumen mit einem korrupten gesundheitsindustriellen Komplex erscheint deshalb als ein erfolgreiches populistisches Konzept der Trump-Administration.
Dabei wird in Kauf genommen, daß mit der Zerschlagung bzw. dem Umbau der Behörden tausende WissenschaftlerInnen und andere Beschäftigte auf die Straße gesetzt und auch sinnvolle Betätigungsfelder eliminiert werden. Ähnliches würde bei uns bedeuten, die Gesundheitsämter zu schließen, weil sie sich an repressiven "Corona-Maßnahmen" beteiligt hatten. Trump und Musk begnügen sich nicht damit, die willigen Vollstrecker der unsäglichen Coronapolitik zu bestrafen (wo bleiben die Maßnahmen gegen die Pharmakonzerne?), sondern nutzen die Stimmung, um nicht nur das ungeliebte staatliche Gesundheitssystem zu zerschlagen. Neben den Angriffen auf alle Institutionen, die Benachteiligungen von Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts mildern sollen, kommt etwa auch der Verbraucherschutz ins Visier. Ein ähnlicher Furor gegenüber dem Pentagon ist nicht bekannt. Oder die NASA betreffend, bei der Elon Musk gut im Rennen liegt.
Die Beschäftigten haben in der Tat ein Problem, das vielleicht mit dem der NGOs bei uns zu vergleichen ist. Viele von ihnen gehen nützlichen Fragestellungen wie Umweltschutz, Armutsbekämpfung, Diskriminierung von Minderheiten nach. Ganz überwiegend haben sie sich dabei in finanzielle Abhängigkeiten von staatlichen Geldgebern und Mäzenen aus Stiftungen und Unternehmen begeben. Nicht nur campact und correctiv agieren dabei unverhohlen als Lautsprecher der Regierungspolitik, auch wenn sie dies mitunter in vermeintliche Kritik einbetten. Sie trommeln für Corona- wie für Kriegsmaßnahmen und geben sich dabei einen menschenrechtlichen Anstrich. Sie bespielen damit einen anderen Markt als das mit riesigen Steuermitteln geförderte "Zentrum Liberale Moderne", die grüne "Denkfabrik". Vornehmlich sich links verortende und ansatzweise systemkritisch denkende Menschen sollen in ein Boot mit der Regierung geholt werden.
Vormals Konzernen und herrschender Politik eher skeptisch gegenüberstehende AktivistInnen machten sich im Zuge einer als Professionalisierung verstandenen Erwerbsbeschäftigung, die über Steuergelder und Spenden (auch) von Firmen und Stiftungen ermöglichte wurde, nahezu unmerklich gemein mit der sie fütternden Hand. Wie in früher einmal alternativen Kulturzentren müssen die dort Arbeitenden zittern um ihre Arbeitsplätze, wenn diese Zuwendungen ausbleiben. Spätestens in der Corona-Zeit, aber auch im Umgang mit Militarismus- und Gazakriegs-kritischen Positionen, sind sie überwiegend eingeknickt vor staatlichen Vorgaben. Allerdings ist schwer auszumachen, in welchem Maße hier äußerer Druck, Denkverweigerung oder Überlaufen eine Rolle spielen.
Es bleibt zuzugeben, daß eine solche Kritik wohlfeil ist. Einerseits gibt es in einem Gemeinwesen Aufgaben, die tunlichst öffentlich organisiert und auch finanziert werden und nicht dem Markt überlassen werden sollen. (Das sehen Trump und Musk ganz anders, bis sie den Staat nutzen, um die eigenen Taschen zu füllen.) Im Zuge der Übernahme staatlicher Strukturen durch Lobbyisten der Konzerne oder ihrer direkten Vertreter (Merz, Musk et al.) wird diese Forderung problematisch. Damit geraten auch NGOs wie eigentlich "gute" Behörden wie etwa ein Verbraucherschutzministerium oder eine Gleichstellungsstelle in den Sog einer oktroyierten Politik. Die Instrumentalisierung dessen, was als Engagement der "Zivilgesellschaft" daherkommt, und die Bereitwilligkeit vieler Agierender, sich dem unterzuordnen, öffnen dem "Aufräumen" der Trumps und Merze sämtliche Tore. Aufbauend auf dem völlig berechtigten Unmut über die politische Beeinflussung von Behörden durch Rot-Grün im Sinne ihrer Agenda wird der Gedanke verankert und umgesetzt, wonach Unternehmen möglichst unreguliert agieren sollen. (Bürokratieabbau heißt vor allem Schleifung von gesundheitlichen, arbeitsrechtlichen und Umweltauflagen.) Die rot-grüne Ideologie soll durch eine schwarze und demnächst vielleicht blaue ersetzt werden. Bei beiden Modellen bleibt die Macht der Großindustrie unangetastet; lediglich die vorherrschenden Fraktionen werden teilweise ausgetauscht.
Wohlfeil ist die Kritik auch deshalb, weil letzten Endes jeder Mensch sich im Rahmen dieses durch und durch ungerechten Profitsystems bewegen muß und es zwangsläufig durch sein Arbeiten darin auch stabilisiert. Damit ist kritischem Engagement eine gewisse Grenze gesetzt. Darüber hinaus ist nicht zu unterschätzen, wie schon innerhalb des Systems Interessen unterschiedlich manifestiert werden. Der Kampf gegen eine Impfpflicht sprengt es ebenso wenig wie der um höhere Löhne oder empörtes Bloggen. Und doch sind sie sinnvoll. Wenn aber nicht immer wieder solche sozialen Gefechte an der Macht der Besitzenden zu scheitern drohen sollen, bleibt es erforderlich, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die nicht auf Ausgrenzung und Konkurrenz beruht und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich entstehen läßt? Wie kommen wir zu einer wirklichen Beteiligung der Menschen an Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen? Der gegenwärtige Zustand des bürgerlichen Parlamentarismus und seine Kulmination in einer autokratischen EU-Führung legen nahe, sich mit grundsätzlichen Änderungen zu befassen.
Was will Herr Streeck?
Das aber will auf keinen Fall Hendrik Streeck. Er zieht gegen die Trump-Administration ins Feld mit einigen guten Gründen. Im Kern schlägt er nichts anderes vor als diese. Nur soll statt dem Wirtschafts- und Forschungsstandort USA der der BRD gefördert werden. Und zwar mit den gleichen Methoden. Er beobachtet, daß viele "weltweit führenden Technologieunternehmen… aus öffentlich finanzierter Forschung hervorgegangen sind", was ein Grundprinzip von Wissenschaftspolitik im Kapitalismus ist. Biontech ist ein Paradebeispiel dafür, wie Millionen von Steuergeldern sich in Milliarden von Profiten privater Unternehmen verwandeln. Ein weiteres ist der phänomenale Hochrüstungskurs, den der CDU-MdB gewiß befürwortet. Was braucht also Deutschland?
»Deutschland braucht jetzt eine mutige Innovationsagenda, die wissenschaftliche Exzellenz mit wirtschaftlicher Anwendbarkeit verbindet… Dafür braucht es… Stärkung von Kooperationen zwischen Wissenschaft und wirtschaftlichen Unternehmen… Dazu gehört ein vernetztes Ökosystem, das gefährdeten Wissenschaftlern aus den USA und anderen Ländern eine neue, attraktive Heimat bietet…
Wissenschaftskommunikation [muss] gestärkt und das wachsende Misstrauen gegenüber Forschung aktiv bekämpft werden…«
Der im Kommunikationsrennen gegen Drosten zu kurz Gekommene sieht neue Möglichkeiten. Und er ist ganz bei seinem Chef, wenn er "gefährdete Wissenschaftler aus den USA" (nützlich) anders bewertet als vor Gewalt und Perspektivlosigkeit flüchtende "Normalos" (das Sozialsystem belastend).


> Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die nicht auf Ausgrenzung und Konkurrenz beruht und eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich entstehen läßt? Wie kommen wir zu einer wirklichen Beteiligung der Menschen an Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen?
Na, ganz sicher nicht in einer Gesellschaft in der alles von privaten Interessen bestimmt wird.
http://blog.rolfrost.de/ngo.html
Allerdings frage ich mich, ob die Gesundheitsämter eine andere Aufgabe hätten, als der kapitalistischen Verwertung zu zu arbeiten. Die Beurteilung der Beschulungsfähigkeit von Kindern wie am Fließband durch Amtsärzte (warum nicht die Eltern und ErzieherInnen, die die Kinder kennen?) nach nicht transparenten Kriterien, die Verhängung von Quarantäne, undifferenzierte Werbung für Impfungen (in meiner Jugend auch deren Durchführung an Schulen, wie eine Musterung!) . Die Gesundheitsämter sind kein schützenswertes Gut per se. Das sollte die Geschichte gelehrt haben:
"…Der öffentliche Gesundheitsdienst begann im 19. Jahrhundert in Preußen mit den Kreisärzten und der Cholera. Schließlich standen den staatlichen Kreisärzten kommunale Gesundheitsamtsärzte der Gemeinden gegenüber. Denn die Städte stellten eigene Stadtärzte für ihre städtischen Hygienemaßnahmen an. Der Dualismus – Staat versus Gemeinde – führte zu Konkurrenz und Durcheinander bzw. Nebeneinander. Die staatlichen Kreisärzte waren eher konservativ bis reaktionär, die Kommunalärzte – besonders in Berlin – liberal oder gar sozialdemokratisch; vor allem jüdische Ärzte strebten in diese städtischen Positionen.
Sie wurden wie die sozialdemokratischen Ärzte 1933 entlassen. Der Nazistaat vereinheitlichte das Gesundheitswesen, alle Gesundheitsämter wurden staatlich. Sie dienten nun der eugenischen »Ausmerzung«. Die Amtsärzte beantragten Sterilisationen und waren eingebunden in die Kindereuthanasie; Amtsärzte waren umfangreich für die »Erb- und Rassepflege« zuständig: für das »Ehetauglichkeitsgesetz« und für Zwangsarbeiter. …"
https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/vom-abseits-in-die-mitte-die-gesundheitsaemter/
Mag sein, daß ich von in meinen Augen sinnvollen Aktivitäten der Gesundheitsämter heutzutage nichts weiß.
ansonsten stimme ich, wie fast immer zu
das mit der Musterung wollte ich in Bezug auf die Einschulung erwähnen…war zu schnell, bzw. zu langsam