90 palästinensische Geiseln gegen drei israelische Gefangene ausgetauscht

So lau­te­ten die Schlagzeilen zum "Geisel-Deal" natür­lich nicht. Undenkbar auch die Formulierung, daß der Austausch auf einem Abkommen zwi­schen einem ter­ro­ri­sti­schen israe­li­schen Staat und einer Regierungspartei in Gaza beruh­te. Berechtigt waren gewiß die Darstellungen der emo­tio­na­len Empfangnahme der israe­li­schen Frauen durch ihre Mütter. Ihre Qualen seit über einem Jahr sind kaum vor­stell­bar. Was aller­dings fehlt in der Berichterstattung, ist das Äquivalent der ande­ren Seite. Lapidar erfah­ren wir, daß es sich bei den palä­sti­nen­si­schen Freigelassenen über­wie­gend um Frauen und Minderjährige han­delt. Auch sie dürf­ten nach lan­gem Bangen von ihren Familien in die Arme geschlos­sen wor­den sein. Die Medien fol­gen hier wei­ter ihrer Linie, nach wel­cher der Wert von Menschenleben je nach ihrem Paß unter­schied­lich gewich­tet wird. Mehr als vier­zig­tau­send Tote in Gaza gel­ten als bedau­er­li­che Nebenerscheinungen bei einer ver­meint­lich legi­ti­men und gar als huma­ni­tär eti­ket­tier­ten Antwort der israe­li­schen Armee auf Verbrechen der Hamas. Den israe­li­schen Geiseln wird mit vol­lem Recht eine pro­fes­sio­nel­le medi­zi­ni­sche und psy­cho­lo­gi­sche Betreuung zuteil. Die palä­sti­nen­si­schen Geiseln keh­ren zurück in ein zer­stör­tes und ver­wü­ste­tes Land, in dem Krankenhäuser als bevor­zug­te Ziele von Bombardements gal­ten. Es gibt wenig, das den Zynismus "west­li­cher Werte" so deut­lich illustriert.

10 Antworten auf „90 palästinensische Geiseln gegen drei israelische Gefangene ausgetauscht“

  1. Nur eine ande­re Art von Menschenhandel. Die Frage ist nur, wer da wen gegen wen tauscht und davon am mei­sten pro­fi­tiert. Dem Volk von Palästina ist damit ganz sicher nicht gedient.

  2. Toll ana­ly­siert @aa stim­me Dir voll­kom­men zu! 

    Es braucht mehr Menschen in die­ser Welt die kei­ne Ideologie – weder rech­te noch lin­ke – dafür aber ihre Prinzipen, besit­zen. Im Idealfall sind die­se Prinzipen links ori­en­tiert. Rechte zeich­nen sich näm­lich nicht unbe­dingt durch ihre phil­an­thro­pi­sche Einstellung aus…

    Viele Grüße
    Walter aka Der Ösi

  3. Doppelstandards bloß­zu­stel­len ist immer gut, und in/​durch Israel gefan­gen­ge­hal­te­ne nicht­is­rae­li­sche Personen als Geiseln zu betrach­ten, hat Berechtigung. Ich ken­ne per­sön­lich eine Berlinerin, die gemein­sam mit ihrem dama­li­gen Freund (Araber und isra­el. Bürger) von der Straße weg ver­haf­tet wur­de. Während M. nach ein­ein­halb Wochen frei­kam, und nach Deutschland abge­scho­ben wur­de, saß N. über zwei Jahre ohne Verfahren in einem Geheimgefängnis. M., nach ihrer Verhaftung, ver­lang­te einen Anwalt:
    Geheimdienstoffizier: "Wissen Sie, wo Sie hier sind!?"
    M.: "In der ein­zi­gen Demokratie des Nahen Ostens."
    Offizier: "Nein! Sie sind in Israel!"
    In der Haft wur­de sie Tag und Nacht ver­hört und psy­chisch ter­ro­ri­siert, bekam zwi­schen­drin immer wie­der wei­ße Blätter zum Unterschreiben vorgelegt …

    Soweit ein­ver­stan­den.

    "Undenkbar auch die Formulierung, daß der Austausch auf einem Abkommen zwi­schen einem ter­ro­ri­sti­schen israe­li­schen Staat und einer Regierungspartei in Gaza beruhte."

    Diese Formulierung ist undenk­bar nicht wegen 1) [da ist was dran], son­dern wegen 2). Die "Regierung" von Gaza ist ein ille­ga­les (und sich selbst nicht an Recht jen­seits der Scharia gebun­den sehen­des) Regime, zur Macht gekom­men durch einen Putsch gegen die Wahlsieger, und höch­stens in dem Grade Regierung, wie es Narco-Gangs in vie­len Barrios Lateinamerikas sind. Durch Wahlen legi­ti­miert ist nicht ein­mal mehr die Fatah in der Westbank.

    "Lapidar erfah­ren wir, daß es sich bei den palä­sti­nen­si­schen Freigelassen über­wie­gend um Frauen und Minderjährige handelt.
    ( …) Die Medien fol­gen hier wei­ter ihrer Linie, nach wel­cher der Wert von Menschenleben je nach ihrem Paß unter­schied­lich gewich­tet wird."

    "Frauen und Kinder zuerst" prak­ti­zie­ren bei­de Regime glei­cher­ma­ßen, und dass ein "Jude" drei­ßig "Araber" "wert" ist, ist der zwi­schen die­sen Banden aus­ge­han­del­te Konsens, nicht eine Linie der Medien.
    Die glei­che "Wertschätzung" erweist die Hamas der von ihr als Gesamtgeisel gehal­te­nen Bevölkerung. Eine Ausreise/​Flucht aus Gaza wird kon­se­quent ver­hin­dert, gemein­sam mit dem Regime Ägyptens, das die ande­re Seite des Übergangs kon­trol­liert. Von einem Vorschlag sei­tens der angeb­lich mit "Palästina" soli­da­ri­schen ara­bi­schen Regierungen, (ggf. unter Mitwirkung der UNO) allen, die nicht am Kampf betei­ligt sind oder ihn auf­ge­ben wol­len, das (zeit­wei­li­ge oder dau­er­haf­te) Verlassen des Kriegsgebiets zu ermög­li­chen, ist mir nichts zu Ohren gekom­men. Auch nicht, dass die­se Option NACH dem Krieg erwo­gen wür­de. Gaza wird "Freiluftgefängnis" blei­ben, das wol­len die ara­bi­schen Kapos genauso.

    "Den israe­li­schen Geiseln wird mit vol­lem Recht eine pro­fes­sio­nel­le medi­zi­ni­sche und psy­cho­lo­gi­sche Betreuung zuteil." 

    Hoffen wir, dass das so ist. Die Überlebenden der Hamas-Massaker wur­den eher allein­ge­las­sen; man­che haben sich suizidiert.

    1. @Boris Büche: Die Hamas hat 2006 die letz­ten in Gaza mög­li­chen Wahlen gewon­nen. Ich hege kei­ner­lei Symmpathie für die­se isla­mi­sti­sche Organisation. Man kommt aller­dings nicht dar­an vor­bei, daß vie­le Menschen in ihrer Verzweiflung nach jahr­zehn­te­lan­ger Demütigung radi­ka­le­re Vertreter bevor­zug­ten als die Fatah. Dieses Muster sehen wir gera­de in vie­len Weltgegenden: Daß Menschen in Ermangelung einer "ver­nünf­ti­gen" Vertretung ihrer Interessen denen ihre Stimme geben, die sich am lau­te­sten gebär­den gegen eta­blier­te Kräfte. Oftmals stim­men sie dabei de fac­to gegen ihre Interessen. Nicht zu ver­ges­sen ist, daß israe­li­sche Regierungen bis vor kur­zem die Hamas eher gehät­schelt haben, um die palä­sti­nen­si­sche Autonomiebehörde zu schwä­chen. Die gedul­de­ten mör­de­ri­schen Provokationen der Siedler in der Westbank tun ein wei­te­res, die Hamas und ande­re Radikale zu stärken.

      1. @aa: Und wer sind jetzt die "Guten"? Welche Hoffnung und Perspektive gibt es für die Menschen die dort leben müssen?

        Viele Grüße
        Walter aka Der Ösi

      2. @aa: "Die Hamas hat 2006 die letz­ten in Gaza mög­li­chen Wahlen gewonnen"

        1) Dass in Gaza seit 2006 kei­ne Wahlen mehr mög­lich sind, liegt in der Verantwortung der "Gewählten";
        2) Es ist zutref­fend, dass die Hamas im Gebiet des Gazastreifens die Mehrheit der Stimmen erhielt, und dar­auf ihre Machtergreifung begrün­de­te. Die Wahlen waren aber sol­che für Palästina insgesamt. 

        https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​K​a​m​p​f​_​u​m​_​G​a​z​a​_​i​m​_​J​u​n​i​_​2​007
        gibt einen guten Überblick, inso­fern das ara­bi­sche Bandenwesen über­haupt durch­schau­bar ist: "Die Schwäche der Autonomiebehörde spiel­te vor allem lokal agie­ren­den Familienclans und Warlords in die Hände, die sich for­mal zu einer der bei­den poli­ti­schen Gruppen Hamas oder Fatah bekann­ten, de fac­to aber ihre eige­nen regio­na­len Interessen vertraten." 

        3) "Dieses Muster sehen wir gera­de in vie­len Weltgegenden" – kla­re Zustimmung mei­ner­seits, auch zum Rest Ihrer Bemerkungen.

      3. Nun, @aa, die Sache mit den Wahlergebnissen und die Propaganda. Das läuft in GAZA auch nicht anders als hier. 

        Denn:

        > daß vie­le Menschen in ihrer Verzweiflung nach jahr­zehn­te­lan­ger Demütigung radi­ka­le­re Vertreter bevor­zug­ten als die Fatah. Dieses Muster sehen wir gera­de in vie­len Weltgegenden: Daß Menschen in Ermangelung einer "ver­nünf­ti­gen" Vertretung ihrer Interessen denen ihre Stimme geben, die sich am lau­te­sten gebär­den gegen eta­blier­te Kräfte.

        Ist letzt­end­lich auch nur das Ergebnis der Propaganda. Mit ver­nunft­be­gab­ten Wesen hat das alles frei­lich nichts zu tun.

  4. DISSENTING OPINION OF VICE-PRESIDENT SEBUTINDE

    https://www.icj-cij.org/sites/default/files/case-related/192/192–20240524-ord-01–01-en.pdf

    Natasha Hausdorff, bar­ri­ster and UKLFI Charitable Trust Legal Director, replies to alle­ga­ti­ons that Israel is a geno­ci­dal and apart­heid sta­te at the Oxford Union deba­te on 28 November 2024.

    https://m.youtube.com/watch?v=WBllM8M-sko

    Mehr hier:

    https://m.youtube.com/watch?v=59qvhltVa5g

    « Die palä­sti­nen­si­schen Geiseln keh­ren zurück in ein zer­stör­tes und ver­wü­ste­tes Land, in dem Krankenhäuser als bevor­zug­te Ziele von Bombardements galten. »
    Die Titanic galt als unsinkbar.
    —Was soll das heißen:
    „Galten“: Bei wem?
    „Galten“: Auf wel­cher Grundlage?
    „Bevorzugt“: Gegenüber was?
    Soll es etwa hei­ßen: Die IDF zie­hen Krankenhäuser, als Krankenhäuser, ande­ren Zielen vor?
    Soll es etwa heißen—oder auch ein­fach nur insinuieren—daß:
    die IDF Krankenhäuser angrei­fen, um Krankenhäuser anzugreifen?
    Soll es etwa heißen—oder auch ein­fach nur insinuieren—daß:
    die IDF gezielt Kranke und medi­zi­ni­sches Personal ver­let­zen und töten?

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